Als Juta Berg mit einer Kopfverletzung und massivem Gedächtnisverlust in einem Salzburger Krankenhaus erwacht, bleiben die dringlichen Fragen nach ihrer eigenen Identität und dem Grund der Reise nach Salzburg nicht die einzigen Rätsel. Wer ist der unbekannte Mann, der ihr immer wieder in quälenden Alpträumen erscheint und sie um Hilfe anfleht? Woher kommt das drängende Gefühl, nicht mehr viel Zeit zu haben, und wie passt Leon Eisner ins Bild, der Mann, der sie bewusstlos in den Katakomben eines Friedhofs aufgefunden haben soll? Die Suche nach Antworten führt Juta immer weiter auf die Spur eines Geheimnisses, dessen Ursprung weit in der Vergangenheit liegt.
Wer A sagt muss auch B sagen. Die Suche nach nicht nur der eigenen Identität, sondern auch nach der einer rätselhaften Traumfigur, ein uraltes Geheimnis, das nur über verschlungene Wege in die Vergangenheit gelüftet werden kann…Die Komponenten eines großen Rätsels sind gegeben und die Autorin weiß auch mit diesen umzugehen: Perspektivisch an die Protagonistin und damit an deren lückenhaftes Wissen gebunden, giert der Leser ebenso wie diese nach Informationen und beteiligt sich gerne an der dazu notwendigen aufwändigen Spurensuche die, obgleich sie den Großteil des Romans umfasst, dank durchaus origineller inhaltlicher Einfälle und der Gestaltung interessanter Gegenspieler spannend bleibt und nicht ins Stocken gerät.
Anzeige In die Aura des Geheimnisvollen gehüllt ist der Spannungsbogen geschickt gebaut, die Lösung eines Rätsels führt zum Nächsten und schraubt die Erwartungen bezüglich der Klärung der letzten großen Frage auf diese Weise konstant nach oben. Ein so effektiver Spannungsaufbau hat jedoch seinen Preis: Das Risiko, dass die ultimative Auflösung hinter den geschürten Erwartungen des Lesers zurückbleibt und das Ergebnis damit nicht halten kann, was die Aufbauarbeit versprochen hat.
Auf der Handlungsebene werden diese Versprechen hier durchaus eingelöst; das Finale gestaltet sich originell und stimmungsvoll und schafft es, alle offenen Fragen zu klären und losen Rätselfäden miteinander zu verknüpfen. Tragische menschliche Schicksale brauchen bei aller inhaltlichen Stärke jedoch gut gebaute Figuren um sie zu tragen, ansonsten verpufft ihre Wirkung. Während sich die Ereignisse erwartungsgemäß zuspitzen, verblassen bei aller inhaltlichen Dichte die Charaktere vor diesem dramatischen Hintergrund zusehends, lassen die vorher sorgfältig gestaltete menschlich-plastische Zeichnung schmerzlich vermissen und rauben dem kreativ erdachten Finale auf diese Weise seine eigentlich wohlverdiente Wirkung. Wer auf ein ultimatives Finale setzt, muss diesbezüglich viel zu bieten haben, um keine Erwartungen zu enttäuschen.
Kastner baut in einer sehr kreativen und innovativen Geschichte gekonnt steigende Spannung auf, vernachlässigt bei deren Auflösung jedoch ihre Figuren und schafft so einen guten und spannenden Roman, der auch ausgezeichnet hätte sein können.