Haaatschiiii! Na, haben Sie sich auch schon angesteckt? Sind Sie vielleicht bereits Überträger und infizieren Ihre Umgebung mit dem Virus? Dann herzlichen Glückwunsch! Sie befinden sich wieder in guter Gesellschaft.
Es handelt sich hierbei um einen Krankheitserreger, der schon fast als ausgestorben galt, nun aber wieder zunehmend Resistenzen entwickelt: den Vorlese-Virus. Und er wird tatkräftig bei seinem Vormarsch unterstützt. Am vergangenen Freitag, den 23. November, fand der bundesweite Vorlesetag, den die Stiftung Lesen gemeinsam mit der Wochenzeitung DIE ZEIT bereits zum vierten Mal veranstaltete, statt. Über 7000 Vorleser, darunter 632 Politiker und Prominente, gaben sich die größte Mühe, den Vorlese-Virus in Kindergärten, Schulen und Bibliotheken weiter zu verbreiten. Auch elf ZDF-Moderatoren waren dabei am Start, unter anderem Marietta Slomka, Petra Gerster und Heinz Wolf.
Seit die PISA-Studie den Finger auf die Wunde gelegt hat und die Leseschwäche des deutschen Nachwuchses offensichtlich wurde, machen zahlreiche private und öffentliche Stiftungen und Einrichtungen sowie Privatpersonen und Prominente gleichermaßen mobil. Kaum eine Bibliothek ist noch ohne Vorlesestunde denkbar, Projekte wie Lesewelt e.V. organisieren Freiwillige, die Kindern vorlesen und Vorlesemodelle aus Kanada nach dem Prinzip „book buddy“ machen Schule. Ein Engagement, das bitter Not zu tun scheint, will man den aktuellen Zahlen Glauben schenken. Laut Welt Online wird in über 40 Prozent der Haushalte von Eltern mit Kindern unter 10 Jahren nicht vorgelesen. Eine Entwicklung, die nicht nur nachdenklich stimmt und angesichts des starken Förderbedarfs unter Erstklässlern bedenklich ist, sondern auch traurig anmutet. Ist doch „das Epische“, so Thomas Mann angesichts des Vorlesetages, „Musik, Musik des Lebens, der man verschlossenen Blicks lauscht und die sich durch das Ohr an das innere Auge wendet“. Vorlesen als Entdeckungsreise gewissermaßen, als sich verlieren in der Geschichte. Ein Aspekt, den auch die Aussage des Kommunikationstrainers Rolf Peter Kleinen unterstreicht: „Gut vorlesen heißt zaubern“.
Ursachenforschung
Anzeige Woran liegt es dann, dass der Vorlese-Virus erst wieder mühsam aufgepäppelt werden muss? An einer mangelnden Auswahl schöner und guter Kinderbücher sicher nicht, meinte Doris Schröder-Köpf anlässlich eines Interviews mit dem Online-Portal Bildung PLUS einmal: „Es gibt heute wie nie zuvor wunderschöne Bilderbücher, in denen man mit verschiedenen Folien mittelalterliche Pläne bauen oder das alte Rom wieder auferstehen lassen kann. Wer da sagt, mein Kind interessiert sich nicht für Bücher ..., das kann ich einfach nicht glauben“. Woran liegt die mangelnde Verbreitung des Vorlese-Virus dann? Vielleicht an der Tatsache, dass Bücher in immer mehr Familien kaum noch ein Thema sind. Aber warum ist das so? „Es liegt daran, dass auch die jüngere Generation der Eltern Lesen nicht mehr als Vergnügen, sondern als unangenehme Pflicht begreift“, so Petra Gerster bereits 2003 in einem Interview mit Bildung PLUS. Lesen werde oft als große Anstrengung empfunden. Aber nur wer regelmäßig lese, dem falle es auch leicht.
Dabei kommt den Eltern eine Schlüsselfunktion beim Begeistern des Nachwuchses für das Medium Buch zu, meint Doris Schröder-Köpf aus eigener Erfahrung: „...es war auch sehr wichtig, dass ich selber immer viel gelesen habe. In einem bestimmten Alter ahmen Kinder sehr nach. ... Was ich sagen will ist, dass Kinder den Willen haben, Vorbildern nachzueifern“. Also, sehr geehrte Erziehungsberechtigte, ran an die Bücher, möchte man da rufen. Andererseits geben Bilder, wie man sie von den Neuerscheinungsnächten eines Harry-Potter-Bandes kennt auch berechtigten Anlass zur Hoffnung, sollte man meinen.
Hörbuch als Ersatz
Zudem ist das Vorlesen inzwischen auch auf andere Art und Weise richtig salonfähig und populär geworden. Seit 2001 erlebte das Medium Hörbuch einen nahezu raketenhaften Aufstieg mit zweistelligen Zuwachszahlen. Und auch wenn dieser Aufschwung zwischenzeitlich einen kleinen Dämpfer erhalten hat, rechnen Experten in den kommenden Jahren mit einem weiteren Wachstum und einer Verdoppelung oder gar Verdreifachung des Umsatzes. Rund 17.000 Titel sind inzwischen lieferbar und besonders beim so genannten „mobilen Publikum“ beliebt. Aber kann das Zuhören von CD oder Kassette ein adäquater Ersatz für das klassische Vorlesen sein? Nicht wirklich, meint Petra Gerster, selbst bekennender Hörbuchfan. „Für Erwachsene finde ich Hörbücher großartig und wenn jemand nicht liest, sondern nur hört, ist das doch auch toll. Wenn Kinder noch nicht selbst lesen, aber gerne Kassette hören, ist dagegen überhaupt nichts einzuwenden. Aber es ersetzt nicht das Vorlesen durch die Eltern. Vorlesen ist ja auch Zuwendung, Gespräch. Das Vorlesen kann unterbrochen werden für Zwischenfragen, eigene Äußerungen des Kindes, Erklärungen der Eltern“.
Also ein klares Plädoyer für das alte traditionelle Ritual des Vorlesens, dieses „märchenhafte Mittel, mit dem man Band um Band knüpfen kann zwischen dem, der vorliest, und dem, der nachhorcht“, wie bei Welt Online zu lesen ist. Und welche Wochen des Jahres wären besser geeignet dieses Ritual auch in der eigenen Familie wieder aufleben zu lassen, als die Adventszeit, in der man sich guten Gewissens in die warme Stube zurückziehen kann, weil es draußen dunkel und kalt ist? Fangen Sie wieder an zu zaubern, lesen Sie vor, und stecken Sie bitte möglichst viele mit diesem Virus an! Impfen unerwünscht, sehr geehrte Herr Doktoren!
Na, das gibt doch Anlass zu Optimismus, möchte man meinen. Beim Lesevergleichstest Iglu 2006 haben deutsche Grundschüler der 4. Jahrgangsstufe international gut mitgehalten und erreichten unter 45 Ländern und Regionen den 11. Platz. Beim ersten Iglu Vergleichstest 2001 hatte Deutschland zwar auch Platz 11 erreicht, aber damals waren nur 36 Nationen und Regionen mit dabei und außerdem haben die deutschen Grundschüler diesmal neun Punkte mehr als bei der ersten Untersuchung erhalten, nämlich 548 von 700 möglichen Punkten. Vergleicht man das Ergebnis mit dem anderer Länder der Europäischen Union so sind die Leseleistungen in keinem signifikant höher als bei den deutschen Zehnjährigen. Die ersten drei Plätze wurden von der Russischen Föderation, Hongkong und Kanada belegt.
Bundesbildungsministerin Annette Schavan nannte die Ergebnisse jedenfalls "ermutigend" und "ein wirklich gutes Zeugnis" für die Grundschullehrer.
Allerdings, ein Wehrmutstropfen muss schon sein: Im internationalen Vergleich lesen deutsche Eltern seltener mit ihren Kindern als andere. Die aktuelle bundesweite Studie "Vorlesen in Deutschland 2007" der Deutschen Bahn AG in Kooperation mit der Stiftung Lesen und DER ZEIT spricht von 42% der Eltern von Kindern im besten Vorlesealter unter 10 Jahren , die nur unregelmäßig oder gar nicht vorlesen. Diese Eltern lassen die Chancen zur Förderung ihrer Kinder ungenutzt und verzichten somit auf eine ganz preiswerte Investition in die Zukunft ihrer Kinder, meint Sabine Bonewitz, die bei der Stiftung Lesen das Projekt "Lesestart - Die Lese-Initiative für Deutschland" (Start Sommer 2008) leitet. Also, liebe Eltern, Sie sind leider noch nicht ausreichend mit dem Vorlese-Virus infiziert! Bitte einmal Nachsitzen!
Die Knirpse selbst sind da schon fast mit einem Lese-Virus befallen, der starke Ähnlichkeit mit dem der galoppierenden Schwindsucht zu haben scheint. In keinem anderen Land der Europäischen Union gibt es mehr Kinder, die angaben, außerhalb der Schule täglich zum eigenen Vergnügen zu lesen wie in Deutschland. Ganze 53 Prozent. Weiter so!