Neu ist die Idee, die sich in Antje Ravic Strubels neuem Erzählband Vom Dorf versteckt sicherlich nicht. Dafür aber romantisch - wenn auch nur im literaturgeschichtlichen Sinne: Obwohl das neue Buch von Antje Rávic Strubel ihren Namen auf dem Cover trägt, stammt keine Zeile des Textes von ihr - behauptet sie. Das Manuskript traf beim Verlag in einem Umschlag ohne Absender ein. Schnell war klar, dass der Text von jemandem geschrieben war, der Frau Strubel bereits seit längerem verfolgt und beobachtet: ein Stalker. Obwohl sie, wie Antje Rávic Strubel in ihrem einleitenden Vorwort schreibt, die Nachahmung ihres Schreibstils für missglückt hält, hat sie sich dennoch für eine originalgetreue Veröffentlichung unter ihrem Namen entschieden - um den Stalker damit bloß zu stellen.
Dieses Buch ist jetzt bei dtv erschienen - und es fällt in zwei Teile. Der eine Teil besteht aus einer Sammlung von Weihnachtsgeschichten und der andere enthält sogenannte Protokolle des Stalkers, in denen er Bericht erstattet über seine Annäherungs- und Kommunikationsversuche mit ARS, wie er Antje Ravic Strubel nennt. Manch einer wird sich sicherlich fragen, was denn das ganze Gehabe und die Spielerei soll und tatsächlich drängt sich diese Frage auf. Schließlich wurde dieses Verfahren oft genug in der postmodernen Literatur mal mehr, meist weniger gut angewandt - und von einer Autorin, die mit ihren letzten Veröffentlichungen, sei es Tupolew 134 oder Kältere Schichten der Luft, eine respektable Anzahl bedeutender Literaturpreise einheimsen konnte, hätte man vielleicht etwas anderes erwartet. Aber allen Unkenrufen zum trotz: Strubel gewinnt diesem Spiel schöne und interessante Aspekte ab und schafft es, mit den Protokollen eine gewisse Art übergreifender Spannung aufzubauen, die die einzelnen Weihnachtsgeschichten umrahmen.
Anzeige
Nun sind auch die Weihnachtsgeschichten keine Geschichten, wie man sie aus den unzähligen Weihnachtsanthologien, auf die man schon allergisch reagiert, her kennt: Es sind vielmehr sehr überraschende Weihnachtsgeschichten; eher Abenteuergeschichten, die um Weihnachten herum spielen und in denen Antje Ravic Strubels Heldin in teils arge Schwierigkeiten gerät: Der Vermieter bedroht sie kurz vor dem Fest, ihre Freundin vom Dorf wird entführt oder ihr Chef fordert gerade im Advent Unmögliches von ihr. Das alles erzählt sie mit einer ganz und gar unbesinnlichen Nonchalance, die den Texten wunderbare Widerhaken verschaffen und hängen bleiben. Und wenn sie dann auch noch ihren schwarzen Humor zum Einsatz bringt, dann ist spätestens klar, dass sich diese Geschichten kaum zum besinnlichen Vorlesen eignen - doch das wollen sie ja auch gar nicht! Vielmehr spielt die mit den Elementen klassischer Weihnachtsgeschichten und der Tradition, den es wahrscheinlichen in jeder Familie gibt, sich an diesem Tag ganz besonders und eigentlich auch besinnungslos debilen Texten und eigenartigen Musikdarbietungen auf so wunderbaren Instrumenten wie der Blockflöte hinzugeben.
Ein gelungenes und spannendes Spiel mit Fakt und Fiktion - und eine tolle Sammlung skurriler und humorvoller Abenteuerweihnachtsgeschichten!
Antje Rávic Strubel hat Weihnachtsgeschichten geschrieben. Sehr überraschende Weihnachtsgeschichten. Denn meist kommt ihre Heldin in Schwierigkeiten. Der Vermieter bedroht sie kurz vor dem Fest, ihre Freundin vom Dorf wird entführt oder ihr Chef fordert gerade im Advent Unmögliches von ihr. Und dann stellt sich auch noch die Frage, wer diese rasanten Erzählungen wirklich verfasst hat. Fern von Lichterglanz und Stille-Nacht-Seligkeit erzählt Antje Rávic Strubel wahre Abenteuergeschichten.