„Heutzutage interessieren uns unsere Automobile nicht sehr. Doch ich kann mich erinnern, als es anders war. Damals gaben wir ihnen Kosenamen als wären sie Kinder“. Das bekennt die Bildhauerin und Schriftstellerin Christa Winsloe. Zu ihrem ersten Auto gehört ein Chauffeur. Als sie in den 30er Jahren selbst den Führerschein macht, tauft sie ihr Auto auf den Namen „Krischan“.
Britta Jürgs setzt auf das Interesse an schnellen Schlitten und das Verhältnis ihrer Halterinnen zum rasanten Gefährt. Liebeserklärungen an Automobile, Beschreibungen über den Geschwindigkeitsrausch, eine Fahrt nach Moskau, Erinnerungen an die Isetta als Schildkröte auf Rädern, Geschichten von Taxifahrten durch Berlin, Zitate und viele Fotografien von schnittigen Wagen und ihren stolzen Besitzerinnen hat sie zusammengetragen. Herausgekommen ist eine vielseitige und durchaus ansprechende Tour d’horizont und eine lange Liste von mehr oder minder bekannten Autorinnen, die ihr je eigenes Verhältnis zum Auto dokumentieren, oder über Autofahrten flott zu schreiben wissen.
Anzeige Ergänzt sind die Textsplitter durch Fotos und Skizzen, die das Lesebuch in einen Augenschmaus zum Durchblättern verwandeln. Die Herausgeberin, in Personalunion auch Gründerin und Inhaberin des Aviva Verlages, hat das Buch selbst künstlerisch gestaltet. Doch die fetten Überschriften, Schlagworte, Hervorhebungen degradieren die ohnehin kurzen Lesefunde teilweise zu einer Nebensache. Wenn jedoch Clärenöre Stinnes, eine der ersten Frauen, die eine Weltreise mit dem Auto unternommen hat, davon berichtet, wie sie umjubelt in Moskau einfährt, wünscht man sich etwas mehr Text und weniger Gestaltung, um den Empfindungen der Verfasserin und dem Thema Faszination Auto profunder auf die Spur zu kommen.
Britte Jürgs hat keine Geschichte der Automobile aus der Sicht der Frauen gemacht, sondern ein Bilderbuch für Erwachsene zusammengetragen, in dem durchaus manches Kleinod verborgen ist: zum Beispiel eine grandios bösartige Schilderung von Sybille Bedford, die den Pudel der Manns quer durch Amerika chauffiert. Hier wird in wenigen Zeilen ein ganzes Welttheater skizziert.
Die zitierten Künstlerinnen und Schriftstellerinnen werden im Anhang in einer Kurzbiographie vorgestellt, doch es ist mühsam die dazu gehörenden Textbeispiele aufzufinden. Das Inhaltsverzeichnis fordert viel Geduld, denn ein Ordnungsprinzip - ob nun chronologisch, alphabethisch oder thematisch - erschließt sich nicht. Gleichwohl ist der Text- Bildband eine charmante Idee und eine Einladung zur intensiven Beschäftigung mit dem Thema Frauen und Autos, vor allem aber Appetitanreger für eine ausführliche Lektüre der zitierten Reiseschilderungen.