Melkt die Kuh, solange sie Milch gibt! Dieses Motto scheint sich, wenn man sich mal die Veröffentlichungspolitik des Verlages anschaut, der Aufbau Verlag in Sachen Fred Vargasgegeben zu haben. Neben einem - natürlich - unverzichtbaren Buch über die Autorin mit Interviews, Rezensionen und Essays sowie diversen Relaunches der alten Titel, liegt nun - so kurz vor Weihnachten - mit "Die schwarzen Wasser der Seine" der erste Erzählband der französischen Bestseller-Autorin vor.
So weit, so kommerziell? Nicht ganz, vor allem, wenn man bedenkt, dass der Krimileser ein Leser ist, der die große Form, also den dickleibigen Roman bevorzugt. Die Gründe, warum dies so ist, die lassen wir mal außen vor, denn Fakt ist, dass es Vargas auch mit ihrem Erzählband wieder einmal gelungen ist, ihre Leser leichtfüßig und charmant um den Finger zu wickeln. Protagonist aller drei Geschichten ist nicht nur der bekannte Kommissar Adamsberg - sondern der Typus "Außenseiter". Um diese Außenseiter drehen sich alle drei Geschichten und zeigen Vargas unnachahmliches Talent, verschrobene, kauzige Charaktere glaubwürdig und mit einem Höchstmaß an Humor zu beschreiben, dass es eine wahre Freude ist, die Seiten dieses relativ schmalen Bändchens umzublättern. Nun mag die Tatsache, dass die längste der drei Geschichten knapp 80 Seiten umfasst, suggerieren, es handele sich um eher einfach gestrickte Kriminalfälle. Mitnichten: Gewohnt überraschend und unvorhersehbar gestaltet Vargas auch hier ihre Plots, lässt ihren Figuren genügend Spielraum für irrwitzige Dialoge. Dem Leser offenbart sie dabei eine ganz und gar unheimelige Welt, in der sich große Teile der Gesellschaft gerne auf ihren "Quotenaußenseitern" ausruht, schließlich kann man ihnen doch so manches Delikt unterschieben. Dass dahinter auch meist die sogenannten Stützen der Gesellschaft stehen, denen es an Rückgrat fehlt, das mag man so genau nicht wissen.
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Worin also besteht in den Pariser Erzählungen der Unterschied zu den großen Vargas-Krimis? Nicht in der Qualität, das haben wir schon gesehen. Dafür aber in der Quantität des Personals. Lässt Vargas in ihren Romanen oft eine ganze Armada an handelnden Personen auftreten, was eine Vielzahl an unterschiedlichen Beziehungsgeflechten beinhaltet und Raum für viele und ausufernde Dialoge bietet, so haben ihre Erzählungen einen Charakter, der an Kammerspiele erinnert. Drei, vier, höchstens fünf Protagonisten tauchen auf, um die herum sich die Handlung abspielt. Das heißt aber auch: weniger Dialog, dafür mehr Stille. Und das ist der entscheidende Unterschied. In diesen Erzählungen geht es ruhiger zur Sache, was nicht bedeutet, weniger spannend oder fesselnd. Aber die Erzählungen leben von dem, was nicht gesagt, was nicht beschrieben wird - und durch diese Leerstellen bekommen die Geschichten eine Tiefe und Intensität, die manch ein umfangreicher Thriller nie so hinbekommen könnte!
In der zweiten Geschichte, Die Nacht der Barbaren, nebenbei übrigens eine ganz hervorragende Weihnachtssatire, lässt Vargas Adamsberg sagen: "Es ist doch so, würden die Leute nicht solch ein Gewese um Weihnachten machen, gäbe es auch weniger Tragödien. Sie sind zwangsläufig enttäuscht, die Leute. Und dann kommt's zu Dramen."
Um solche Dramen aus Enttäuschung an Weihnachten zu verhindern, reicht es völlig aus, diesen wunderbaren Erzählband zu verschenken!
Fred Vargas Das schwarze Wasser der Seine. Kriminalgeschichten Aus dem Französischen von Julia Schoch und Tobias Scheffel
Aufbau Taschenbuch Verlag
Oktober 2007
160 Seiten, broschiert, EUR 8,95
ISBN: 3746623502