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Späte Familie PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Dominik Nüse, am 20-11-2007 17:00
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Zeruya Shalev - Späte Familie"Immer wieder werde ich auf der Straße von Wildfremden angesprochen, die mir sagen, dass mein Buch ihren Bund mit dem alten Partner besiegelt hat." Na, was kann es denn Schöneres geben?!? Doch was sich hier in diesem Interviewausschnitt ein wenig zu sehr nach Rosamunde Pilcher-Romantik anliest, das kommt aus dem Munde der israelischen Autorin Zeruya Shalev, die mit dem Roman "Späte Familie" ihre, wie es die NZZ so schön nannte, Gefühlstrilogie abschließt.

 

 

 

Die ersten beiden Bände - "Liebesleben" und "Mann und Frau" - waren bereits Kassen-, Publikums- und Feuilletonschlager. Und auch "Späte Familie" steht diesem Erfolg in nichts nach. Protagonistin dieses mit über 600 Seiten sehr umfangreichen Romans ist Ella, eine Archäologin, die sich von einem Tag auf den anderen von ihrem Mann trennt und sich scheiden lässt. Mitten zwischen beiden steht ihr gemeinsamer sechsjähriger Sohn. Doch so einfach, wie es sich Ella vorgestellt hat, gestaltet sich das nicht, zumal sie keinen in ihrem Umfeld kennt, der für ihr Verhalten irgendwie Verständnis zeigen würde. Immer wieder bekommt sie zu hören, dass sie völlig unverantwortlich und egoistisch handeln würde, die Zukunft ihres Sohnes aufs Spiel setze und ihren Ex-Mann in den Selbstmord treibe. Und statt der erhofften Freiheit für sich selbst und ihren Sohn, erlebt Ella eine tiefe Krise, aus der heraus sie nach einiger Zeit versucht, ihren Mann zurück zu gewinnen. Vergeblich. Und auch die Versuche eine neue Beziehung einzugehen sind mit erheblichen Hürden verbunden. Eine dieser Hürde besteht in Ellas festgefahrenen Vorstellungen von Männern, die sie sich im Laufe ihres Lebens gemacht hat - und die natürlich auch von ihrem eigenen übermächtigen Vater geprägt sind. Was folgt, sind lange innere Monologe der Protagonistin, deren gemeinsames Thema das Gegeneinander von Herz und Verstand sind.

Shalev macht es ihrer Protagonistin und ihren Lesern nicht leicht, wenn sie ihre Protagonistin über viele Seiten hinweg räsonieren, wirre Gedankengebäude errichten und wieder einstürzen lässt - aber all das schreibt sie so erschütternd, impulsiv und emotional, dass man dieses Buch nicht mehr aus der Hand legen will. Schicht für Schicht trägt Shalev die Bestandteile der Psyche Ellas ab - und portraitiert so die Verletzlichkeit des Menschen, dass einem Angst und Bange werden kann.

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Den Texten Shalevs wird von vielen Kritikern immer auch eine politische Dimension eingepflanzt und ob "Späte Familie" sich als Roman über Israels Auseinandersetzungen mit den arabischen Nachbarstaaten und Palästina lesen lässt, muss jeder für sich beantworten. Sie selbst hält nichts von dieser Idee und weist jede politische Absicht von sich - und vielen Romanen tut man auch keinen Gefallen, wenn man ihnen eine zeitgeschichtlich-politische Brisanz verleiht. Dennoch ist dieser Roman ein wenig mehr als nur ein im besten Sinne des Wortes anrührendes und emotionales Beziehungsdrama: Im hebräischen Original heißt "Späte Familie" ‚Thera' und das ist der antike Name der griechischen Insel Santorin, die im Altertum eine Art Paradies darstellte. Durch einen Vulkanausbruch im Jahre 1500 v.Chr., der auch als die Minoische Eruption bekannt geworden ist, versanken Teile der Insel und mit ihr auch große Teile der Kultur. Dass Shalev ihren Roman nach dieser Insel benannt hat und damit unweigerlich Motive der Antike und der Mythentradition evoziert, gibt diesem Roman einen anthropologischen Charakter, der sich die Sozialform Familie zur Brust nimmt und diese quasi zur paradiesischen bzw. bestmöglichen Form zwischenmenschlichen Zusammenlebens stilisiert. Diese Idylle nun wird durch den Ausbruch der Frau gestört - und ob dieser Ausbruch nur eine Spur der Verwüstung nach sich zieht oder ob dadurch neue Modelle erwachsen, das scheint Shalevs eigentliches Thema zu sein, das sie so leidenschaftlich und ergreifend unter Verwendung vieler völlig unverkrampfter Metaphern und eindringlicher Bilder an ihrer Protagonistin durchspielt.

Ein spannender Roman, der zunächst einmal als Beziehungsdrama und als der lange Weg einer Frau zu sich selbst wunderbar funktioniert, nach und nach aber auch eine weitere spannende umfassendere Ebene offenbart. 

 

Bibliographische Angaben

 

 

Zeruya Shalev
Späte Familie
Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler
Berliner Taschenbuch Verlag, 2007
608 Seiten, broschiert, EUR 11,90
ISBN: 383330488X

 

 

 

 

 

 


Letztes Update: 01-12-2007 14:08

Veröffentlicht in : Buch, Buch des Monats
Schlüsselworte : Zeruya Shalev, Späte Familie, Beziehungsdrama, beziehung, familie, 383330488X, Mirjam Pressler; Lesetipp
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