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Liebesweisen in Lolitas Club PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Heike Geilen, am 20-11-2007 11:00
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Favoriten 27

Liebesweisen in Lolitas ClubGefährliche Unabhängigkeit

- Wenn persönliche Freiheit unterschiedliche Bedeutungen erhält -

Juan Marsé, der Altmeister der katalanischen Literatur, inszeniert mit Liebesweisen in Lolitas Club eine moderne Pretty Woman, die alles andere als romantisch ausgeht: eine eindringliche, tief berührende Erzählung.

 

Marsé hat seinen jüngsten Roman an Spaniens Costa del Garraf, in den winterleeren Küstenort Castelldefels, gesetzt. Doch die landschaftlich reizvolle Mittelmeerküste ist bei dem katalanischen Autor alles andere als eine idyllische Hommage an seine Heimat.
In seinem unverwechselbaren bildhaften, geradezu cineastischen Stil, berichtet er über die schmutzige Welt der Mafia und ihren untrüglichen Begleiterscheinungen: Prostitution, Drogen, Gewalt und Geldwäsche.

Dreh- und Angelpunkt ist "LOLITA'S CLUB", ein an der Schnellstraße nach Barcelona liegendes Animierlokal. Prostituierte verkaufen dort Abend für Abend ihre Körper an Männer auf der Durchreise. Darunter auch die kolumbianische Milena, eine von vielen jungen Frauen, die vor der Misere ihres Landes geflohen sind und schließlich in der Prostitution landen, weil sie sich verpflichtet fühlen, die beträchtlichen Schulden abzuzahlen, die ihnen durch die Schleuser-Mafia entstanden sind.

"Pretty Woman" auf Katalanisch

Die Idee zu diesem Roman kam Marsé, als er vor einigen Jahren gemeinsam mit einer jungen Kolumbianerin in einem Lokal in Castelldefels einige Gläschen trank.
Doch seine katalanische "Pretty Woman" deckt sich in kaum mit Garry Marshalls Film aus dem Jahr 1990, der für Julia Roberts der Beginn ihrer Karriere als Starschauspielerin bedeutete. Statt zu verzücken, erschüttert die Erzählung den Leser tiefgreifend. "Fiktion möchte die Wirklichkeit repräsentieren, nicht sie verdrängen", sagte Marsé in einem Interview. "Doch mit diesem Buch will ich nicht irgend jemanden anklagen und kritisieren, sondern nur versuchen, Gefühle zu vermitteln".

Und das gelingt dem Autor großartig. Denn trotz aller Härte und dem Leid der jungen Frauen, gibt er in seinem Roman der Liebe, Güte, Zuneigung und Freundschaft eine Chance. Die Rahmenhandlung erzählt die Geschichte von den dreißigjährigen Zwillingsbrüdern Fuentes, die zwar fast identisch aussehen, aber unterschiedlicher nicht sein können.

Der eine - Raúl -, ist ein trinkender, gewalttätiger und mit Worten sparsamer Polizist, der die brutale Sprache der Fäuste besser beherrscht. Eingeschleust als verdeckter Ermittler bei der ETA, ermittelte er für das Drogendezernat. Von seiner Kollegin Maria wird er zu Recht als "Hurensohn" bezeichnet, denn Frauen verachtet er fast genauso wie ETA-Angehörige oder die piekfeinen Sprösslinge der Mafia-Clans, deren "Scheißkerle" er gern krankenhausreif schlägt.
Jetzt ist ihm ein Disziplinarverfahren anhängig und er wird vorläufig vom Dienst suspendiert. Nach langer Zeit kehrt er aus dem Baskenland in seine Heimat, nach Hause zurück. Hier in Katalonien lebt sein Vater, ein früherer Widerstandskämpfer gegen Franco, mit seiner jungen zweiten Frau und Raúls Zwillingsbruder Valentín.

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Dieser zwar geistig zurückgebliebene, aber charmante, liebenswerte und verträumte junge Mann, hat während der langen Abwesenheit seines Bruders einen großen Schritt in die eigene Selbstständigkeit getan. Valentín arbeitet in "LOLITA'S CLUB" als "Mädchen für alles", ist Kellner, Koch und Bote für die Prostituierten und bringt mit seiner unschuldigen Großherzigkeit und Lebenslust, Wärme, Zärtlichkeit und so etwas wie Liebe in den traurigen Alltag der gestrandeten Frauen. "Das wenige reichte ihm aus, um ein besserer Mensch zu sein" als sein Bruder.
Milena, die junge Kolumbianerin, hat es ihm besonders angetan: Er ist verliebt ihn sie.

Die Maske einer Obsession

Raúl ist schockiert, als er davon erfährt. Ihm gefällt die Arbeit seines Bruders in diesem Lokal nicht. Er will, wie schon in gemeinsamen Kindertagen, seinen Bruder beschützen; meint, dass er von diesen "elenden Nutten" nur ausgenutzt wird. Doch in Wahrheit müsste "er sich vielmehr vor sich selbst schützen", wie sein Vater feststellt. Im "Innersten trostlos", sind die Fasern seines unsichtbaren "Wäschedrahts aus Alkohol und Verzweiflung, der in seinem Gewissen gespannt ist", kurz vor dem Zerreißen. Seine Bitternis rührt vor allem aus Erinnerungen an seine Kindheit und seine Mutter. Sie verließ die Familie, um sich zu prostituieren.
Raúl unternimmt alles, um Valentín aus diesem Etablissement und vor allem von Milena zu trennen, für die er eine eigene Obsession entwickelt. Ein ungleicher Kampf um Freiheit und Selbstbestimmung beginnt.

Doch die Vergangenheit holt ihn in seiner Heimat wieder ein. Raúl wird von den Terroristen und den Mafiosi, die er einst zur Strecke brachte, verfolgt.
Eine tragische Wendung des Schicksals wird am Ende Raúl begünstigen, der sich auf Kosten seines Bruders schließlich befreien wird. Er will alles das gerade richten, was er einst verbogen hat. "... Früher oder später würde er Milena finden, wo auch immer sie jetzt ist, denkt er, und das ist vielleicht nicht so weit weg. Gerade mal zwanzig oder dreißig Kilometer könnten ihn von ihr trennen, gewiß, aber ein Gefühl, das er sich jetzt nicht zu analysieren traut, diktiert vom Willen, etwas wiedergutzumachen oder von der Erinnerung an Valentín, von der ganz neuen Erfahrung der Zuneigung oder einfach vom Begehren....."

Szenen mit großer Bildhaftigkeit

Marsé konzipierte Liebesweisen in Lolitas Club ursprünglich als kurze Erzählung, arbeitete sie anschließend auf Anregung des spanischen Filmproduzenten und Regisseurs Fernando Trueba zu einem Drehbuch um, um letztendlich doch noch einen Roman daraus zu stricken. Ein Roman, dessen Szenen große Bildhaftigkeit ausstrahlen und der "mehr mit dem Herzen, als mit dem Kopf geschrieben sei", so der Autor.

Dialogreich, hart und schnell, mal stürmisches, dann wieder atemporal und voll von subtilen Zwischentönen führt Juan Marsé trotz aller Brutalität und brachialer Gewalt vor, wozu Liebe imstande ist.
Ein äußerst frisches und lebendiges Werk des 74jährigen Autors, in einer hervorragenden, flüssigen deutschen Übersetzung von Dagmar Ploetz.

Für die Literatur ist Liebesweisen in Lolitas Club ein ausgemachter Glücksfall. Und das Drehbuch wurde Marsé wohl letztendlich doch noch aus der Schublade gezogen. Mit Eduardo Noriega und Flora Martínez in den Hauptrollen, kommt der Film Ende November 2007 in die spanischen Kinos. Das deutsche Kinopublikum darf gespannt sein.

Fazit: Mit einem beweglichen Rhythmus, der Schnörkel vermeidet und dem der Leser das ursprüngliche Drehbuch von Zeit zu Zeit anmerkt, konstruiert Marsé diese Geschichte einer persönlichen Selbstbefreiung.
Gleichzeitig zeichnet er ein klares Panorama der aktuellen spanischen Gesellschaft mit all ihren Problemen um Mafia, Terrorismus, Einwanderung; verwoben in einem komplizierten Spiel persönlicher Beziehungen.

 

Bibliographische Angaben

 

Juan Marsé
Liebesweisen in Lolitas Club

Aus dem Spanischen von Dagmar Ploetz

Verlag Klaus Wagenbach , Berlin (August 2007)
256 Seiten, Gebunden, 19,90 Euro
ISBN 10: 3803132134
ISBN 13: 978-3-8031-3213-0

 

 

 

 

 


Letztes Update: 20-11-2007 11:37

Veröffentlicht in : Buch, Belletristik
Schlüsselworte : Juan Marsé, Liebesweisen in Lolitas Club, 380313213, spanien, baskenland
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