Edward Hoppers Bild Nighthawks bietet die Vorlage zu diesem Roman von Philippe Besson
Um die Gestalten in einer Bar: eine Frau im roten Kleid, einen Mann, den Barkeeper und einen entfernt sitzenden Mann, hat Besson seine Geschichte erfunden.
Nennen wir die Frau Louise. Sie sitzt auf einem Hocker, in ein leises Gespräch mit Ben, dem Barkeeper, vertieft. Sie wartet auf Norman, ihren Geliebten, der sich von seiner Frau trennen will. Die Tür geht auf und Stephen erscheint. Louise ist erschrocken bis geschockt, denn Stephen ist ihr früherer Geliebter!
In Form eines Kammerspiels kommt jede Person zu Wort und jeder hat seinen Teil zur Geschichte beizutragen. Fast protokollarisch werden die Gedanken der Protagonisten zwischen den einzelnen, wenigen Sätzen aufgezeichnet.
Sie ist melancholisch und wunderbar, diese Geschichte! Boston und die feine Gesellschaft kommen darin vor. Louise als ehemalige Schauspielerin und erfolgreiche Stückeschreiberin spielt den Hauptpart. Sie hat Stephen verloren an ihre Freundin Rachel, die der feinen Gesellschaft angehörte. Rachel ist schön, erfolgreich, gebildet und selbstsicher. Nie konnte Louise sich vorstellen, dass Stephen und sie eines Tages verheiratet sind. So aber ist es geschehen!
Wo bleibt Norman?
Man meint, unmittelbar der Handlung beizuwohnen.
Louises Empfindungen gegenüber Stephen, ihr Warten auf Norman, ihre stete Anwesenheit in der Bar Phillies sind hautnah nachzuspüren. Die Bar liegt nahe am Atlantik und man meint, die Wellen ans Ufer schäumen zu hören.
Das Warten und das Wiedersehen bilden das Hauptereignis. Passagen von anrührender poetischer Tiefe sind zu erfahren. So erleben wir den alten Fischer, der sein Bier trinkt, er ist der zweite Mann auf dem Bild, der von der untergehenden Sonne und dem sich ankündigenden Herbst spricht und bei Louise Tränen damit auslöst. Von den unterschiedlichen Hemisphären, in denen Louise und Stephen leben, ist die Rede; wie warmherzig und lebendig es hier, wie steif und konventionell es dort zugeht.
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Philippe Besson hat dem Bild von Hopper Leben eingehaucht. Die Geschichte ist gelungen, denn genauso könnte sie sich zu getragen haben. Von der Vielfalt menschlicher Erlebnisfähigkeit, von Trauer, Enttäuschung, Vergehen und Altern wird mit Tiefenschärfe und Weisheit berichtet. Die leise Melancholie der Erinnerung und der Schmerzen an verloren gegangene Lieben hat Besson feinfühlig erahnt. Der leichtfertige und unverfrorene Stephen lässt uns Schaudern, wenn er Frauen Leiden verursacht.
Louise, die nun schon älter ist, immer wieder auf ihr Lebensglück hoffend, die Stille und Ruhe eines späten Septembertages: Besson versteht es, Stimmungen einzufangen, die einen einbinden in die Lebenswege der Protagonisten.Der poetische Schluß lässt die Frage offen, wie es weiter gehen wird.
Eine feine kleine Erzählung ist Besson, dem Meister französischer Kurzromane, gelungen!