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Norman Mailer : Ein Nachruf PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Humm, Yvonne, am 13-11-2007 09:45
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Norman Mailer – ein Nachruf auf den "Angry Old Man"

Das "Enfant terrible" der amerikanischen Literaturszene ist tot. Oder, wie stern.de titelte: Der wütende alte Mann ist gestorben.

Am vergangenen Samstag starb der US-Schriftsteller und Journalist Norman Mailer mit 84 Jahren im Mount Sinai Krankenhaus in New York an akutem Nierenversagen. 

Über Jahrzehnte war er einer der prominentesten und zugleich streitbarsten Kritiker der amerikanischen Gesellschaft. Als bissiger Beobachter der US-Gesellschaft lieferte er sich legendäre Auseinandersetzungen mit anderen Schriftstellern und Intellektuellen, vor allem Feministinnen wie Kate Millett und Germaine Greer. Zuletzt übte er auch an Präsident George W. Bush und dem US-Krieg im Irak harsche Kritik. Erst kürzlich machte er diesbezüglich seinem Ärger in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa Luft. Der Irak-Krieg sei der schlimmste den Amerika je geführt habe und das auch noch unter einem einmalig "dummen Kriegsführer".

Die Beziehung zu Amerika beschrieb der Sohn jüdisch-litauischer Einwanderer,
der sein Heimatland und dessen Gesellschaft so oft kritisch beleuchtete, einmal als eine Art Ehe: "Ich liebe dieses Land und ich hasse es. Ich ärgere mich darüber und fühle mich ihm nahe. Ich bin von ihm verzaubert und gleichzeitig abgestoßen." Sein umfangreiches Werk, das neben zahlreichen Essays auch 40 Bücher umfasst, weist eine ungewöhnliche Bandbreite und Vielseitigkeit auf. Und obwohl er Themen wie Krieg und Frieden, Gott und Teufel, Sex und Gewalt behandelte, wurde sein Werk doch immer wieder von einem zentralen Thema beherrscht: Amerika, der kritischen Auseinandersetzung mit dem "Amerikanischen Traum" und dessen oft mangelhafter Umsetzung in der Praxis.

Gleich zweimal erhielt der "große Alte der amerikanischen Literatur", wie ihn die New York Times zu seinem 80. Geburtstag nannte, den Pulitzer-Preis, die renommierteste amerikanische Auszeichnung für journalistische Leistungen. Einmal für seine Reportage über die amerikanische Protestbewegung gegen den Vietnam-Krieg und deren Marsch auf Washington, "Heere aus der Nacht" (1969) und ein weiteres Mal für "Gnadenlos" (1980), sein Porträt des Doppelmörders Gary Gilmore. Beide Werke sind Beispiele für die Abkehr von tradierten Erzählformen, wie Mailer sie praktizierte, und sprengen konventionelle Gattungsgrenzen. Der US-Schriftsteller und Journalist nahm sich beim Mischen von Genres in seinen Werken stets alle Freiheiten. So auch hier, als durch die Synthese von Reportage und autobiographischem Roman eine Form des "non-fictional novel" entstand.

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Zu seinen bekanntesten Werken zählt sein Erstlingsroman "Die Nackten und die Toten" (1948), der auf den persönlichen Erfahrungen von Mailer als Soldat im Zweiten Weltkrieg basiert. Der Roman katapultierte den erst 25-Jährigen sofort an die Spitze der Literaturszene. In "Die Nackten und die Toten" setzt er sich nicht nur mit der Brutalität des Krieges auseinander, sondern auch bereits mit einem Thema, das ihn immer wieder beschäftigen würde, der breiten Kluft zwischen der sozialen Realität und dem Anspruch der amerikanischen Gesellschaft von Freiheit und Selbstverwirklichung. Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki bezeichnete dieses Erstlingswerk des US-Schriftstellers als "ungewöhnlichen Erfolg" und als einen Roman, der als erster den Zweiten Weltkrieg so anschaulich und ausführlich beschrieben habe. Ansonsten, so Reich-Ranicki weiter, sei der künstlerische Wert von Mailers Büchern gering gewesen, und man könne ihn zwar als bedeutenden Autor nicht aber als großen Schriftsteller bezeichnen. Möglicherweise wurde das von den Mitgliedern des Nobelpreis-Komitees ähnlich gesehen, denn obwohl Mailer immer wieder als möglicher Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt worden war, hat er ihn nie bekommen.

Auch mit seinem letzten Roman "Das Schloss im Wald" eckte Mailer, ganz seinem Ruf als Provokateur und "enfant terrible" gerecht werdend, wieder an: Er versucht darin, Hitlers Taten literarisch mit dem Wirken des Teufels zu erklären. "Es scheint mir, dass es zwei exzeptionelle Geburten in der Menschheitsgeschichte gegeben hat: Jesus Christus und Adolf Hitler". Hitler sei die Antwort des Teufels auf Jesus Christus, so Mailer. Der Schriftsteller und Journalist wehrte sich jedoch gegen den Vorwurf, dass er damit die Verbrechen des Nationalsozialismus verharmlose.

Dem Ruf des öffentlichen Norman Mailer stand der Privatmann Norman Mailer allerdings in nichts nach. Drogen- und Alkoholkonsum brachten ihn wiederholt in die Schlagzeilen. Auch konnte Mailer durchaus handgreiflich werden. Sowohl gegenüber Kollegen als auch gegenüber seiner zweiten Ehefrau Adele, die er 1960 im alkoholisierten Zustand mit einem Messer schwer verletzte. Für diese Tat wurde er damals zu 5 Jahren auf Bewährung verurteilt. Der US-Schriftsteller und Journalist war zudem allein sechs Mal verheiratet und hat neun Kinder.

Ein Mensch und ein Leben also, das sich nicht wirklich in einem Satz zusammenfassen lässt und auf keinen Fall auf einen harmonischen Nenner zu bringen ist. Eigentlich. Denn der britische Schriftsteller Martin Amis ist diesem Ziel mit seiner Aussage über Norman Mailer schon ziemlich nahe gekommen: "Wie Amerika ist er in alle Richtungen und zu weit gegangen". 

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Letztes Update: 13-11-2007 10:09

Veröffentlicht in : Magazin, Kulturnews
Schlüsselworte : mailer, angy old man, nachruf
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