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Beste Jahre PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Heike Geilen, am 15-11-2007 09:45
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Favoriten 28

John von Düffel : Beste JahreDer Schwangerschaftsentertainer

John von Düffels Held in seinem neuen Roman Beste Jahre berichtet über die Schwierigkeit eines Kinderwunschprojektes und sinniert zwischen der post-koitalen Überflüssigkeit eines werdenden und dem himmelhoch jauchzenden Gefühl des zu erwartenden Vaterseins.

 

 

Die besten Jahre - ein vielschichtiger, komplexer und facettenreicher Begriff.
Woran erkennt man sie eigentlich? Wann hat ein Mensch seine "besten Jahre"?
Die Jugend wird ihre vitalen Körper, die Unbekümmertheit, den Aktivitätsdrang ins Spiel bringen. Oder fangen die "besten Jahre" tatsächlich erst im Alter an, wenn die Kinder aus dem Haus sind, man finanziell abgesichert ist und wieder mehr Zeit für sich hat?

Darüber sinniert auch John von Düffels namensloser Held, Anfang Vierzig und Schauspieler an einem Hamburger Theater. Er, der früher jedem Rockzipfel hinterher jagte und seinem Ich eine überdurchschnittlich große Bedeutung zukommen lies, bemerkt im Jetzt eine tiefe innere Zufriedenheit. Diese empfindet er durchaus als "ausgesprochen angenehm", weil "er nichts mehr um jeden Preis wollte: Er musste nicht mehr unbedingt mit dieser oder jeder Frau schlafen und auch nicht länger seinen Vater umbringen. Er hatte keinen Konflikt mehr mit der älteren Generation und noch keinen mit der jüngeren".
Doch er hat ein anderes Problem: "Ihm war das Dramatische in seinem Leben völlig abhanden gekommen".

Für Dramatik ist jedoch bald gesorgt.
Auslöser ist der Zuschnitt der neuen Wohnung, die er mit seiner ebenfalls schauspielernden Frau Lisa bezieht. Beide stellen fest, dass man dem zusätzlichen "Gästezimmer" durchaus noch eine andere Funktion zukommen lassen könnte. Als seine Frau ihm offenbart: "Du wirst Vater.", werden die spannungsarmen Szenen ihrer Ehe fortan ordentlich durcheinander gewirbelt.

Orwellscher Vaterwerdungs-Prozess

Aber ganz so einfach und unspektakulär lies sich dieser Zustand nicht herbeiführen.
Der Autor lässt seinen Helden von den Bemühungen der beiden Eheleute berichten, endlich den erwünschten Nachwuchs zu bekommen. "Wir manipulierten die Biologie nach unserem Bilde, indem wir in unseren fruchtbarsten Jahren künstlich verhüteten, um in unseren beinahe unfruchtbaren Jahren künstlich Kinder zu zeugen."

Das Ehepaar besucht ein "Zentrum für Kinderwunschbehandlung", schlägt sich fortan mit solch fürchterlichen Namen und Kürzeln wie ICSI (Intracytoplasmatische Spermieninjektion), IVF (In-vitro-Fertilisation) herum und diskutiert über veritable Empfängniskiller, Hormon-Manipulation, Mehrstufenplan und Spermiogramme.

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Diesen, fast Orwellsche Züge annehmenden, "Vaterwerdungs-Prozess" beschreibt von Düffel wunderbar leicht, mit jeder Menge Humor, Charme, aber auch tiefgehenden Selbstreflektionen seines Helden. Der Autor überzeugt auf durchgängig hohem literarischem Niveau den Leser von den Schwierigkeiten eines späten Kinderwunsches, den genetischen Demütigungen und der Leere einer beginnenden Midlife-Crisis.

Einen zusätzlichen, treibenden Spannungsbogen und überraschenden Richtungswechsel der Erzählung erreicht er mit dem Auftauchen des besten Freundes unseres Protagonisten - Hans-Christian Meyerdierks, genannt "HC". Deren gemeinsame Erlebnisse kurz nach dem Mauerfall in Stendal, spielen eine entscheidende Rolle für die weitere Romanhandlung. Diese Erinnerungen gehören zu den großartigsten und humorvollsten Passagen im Buch. Hier ist von Düffel ein wunderbarer und scharfsinniger Einblick in die damalige epochale Umbruchsstimmung gelungen.

Genetische Demütigungen

"HC", der seine eigene "genetische Demütigung" durchlitt, sorgt dafür, dass die Geschichte mit einem "mörderischen Fertilisations-Seitensprung" endet und der menschliche Zeugungsprozess wieder eine natürliche Rechtsetzung erhält.

Die Rahmenhandlung der Erzählung spielt zwischen dem 4. und 5. Schwangerschaftsmonat von Lisa. Von hier aus gleitet John von Düffel in verschiedene Ebenen der Vergangenheit seines Protagonisten. Dabei wechselt der Roman mehrfach die Erzählperspektive und seinen auktorialen Erzähler. Der Autor selbst erklärt sich dazu: "Zunächst mal habe ich mich ganz klar entschieden, die Geschichte zu erzählen in der Art des epischen Abstands, in der dritten Person, weil ich auch wollte, dass eine Art Selbstdistanz kenntlich wird. Ich habe aber auch gemerkt, dass es in dem Buch viele Momente gibt, emotionale Momente, wo der Erzähler wieder gezwungen wird, Ich zu sagen, nachdem er lange denkt, er hat das schon hinter sich, dieses ständige Ich-Sagen und Ich-Schreien und auf-sich-aufmerksam-Machen. Deswegen kommt er vom Abstand immer wieder in die Nähe."
In besonders emotionalen Augenblicken verfällt sein Held gar in die 2. Person oder berichtet in der Wir-Form. Diese Wechsel erfolgen jedoch harmonisch und werden vom Leser keineswegs als störend empfunden, im Gegenteil: so werden die multiplen Persönlichkeiten und Rollen des Protagonisten verdeutlicht.

Vater werden ist (nicht) schwer....

Am Ende flackert die verlustig geglaubte Dramatik von John von Düffels Held nicht nur, sondern sie lodert bereits im Verlauf "seiner Schwangerschaft" geradezu hell auf. Auch scheint der erste Teil von Wilhelm Buschs berühmtem Satz "Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr" nicht mehr ganz zeitgemäß. Denn "damals habe man [noch] verzweifelt nach einer Fortpflanzungsverhinderungsmedizin gerufen, heute dagegen (...) liege man vor einer hochtechnisierten Fortpflanzungsermöglichungsmedizin auf den Knien", räsoniert der Erzähler.

Die Frage nach autobiografischen Zügen des Romans weißt der promovierte Erkenntnistheoretiker John von Düffel zwar auf der ersten Seite seines Romans von sich, doch scheint er trotz alledem eine Art Alter Ego geschaffen zu haben. So ist der Protagonist wie sein literarischer Erzeuger Anfang 40. Er lebt wie dieser in Bremen und arbeitet in Hamburg am Theater. Auch hat die Hauptfigur ihr erstes Theaterengagement in Stendal, wo auch von Düffel Anfang der 90er Jahre arbeitete. Und auch von Düffel ist vor kurzem Vater einer Tochter geworden, die, so der Autor, jedoch auf natürlichem Weg gezeugt wurde.

Fazit: John von Düffel, der sich als genauer Beobachter und souveräner Erzähler erweist, ist mit seinem Roman, der es immerhin auf die Longlist des Deutschen Buchpreises 2007 schaffte, ein wunderbares Porträt eines Mannes in den "besten Jahren" gelungen.

Beste Jahre ist ein großartiges Buch über das Älterwerden sowie eine einfühlsame Geschichte zweier Menschen, die jahrelang alles getan haben, um Kinder zu verhüten, und nun alles dafür tun, um ein Kind zu bekommen.

 

Bibliographische Angaben

John von Düffel
Beste Jahre
Dumont Literatur und Kunst Verlag (August 2007)
300 Seiten, Gebunden, 19,95 Euro
ISBN 10: 3832180354
ISBN 13: 978-3832180355

 

 

 

 

 

 



Letztes Update: 27-11-2007 09:27

Veröffentlicht in : Buch, Belletristik
Schlüsselworte : John von Düffel, Beste Jahre, 3832180354, Vater werden, Midlife-Crisis, Kinderwunsch, Lesetipp
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