Wie sie wohl ausgesehen haben, die berühmten hängenden Gärten der Semiramis, einst als Weltwunder besungen? Mit Bäumen breit, die Schatten geben oder mit Rosen besteckt, die betörenden Duft verströmen?
Wir wissen so wenig über diese Gärten wie über das Gartenparadies des persischen Königs Kyros, das die Reisenden der Antike in Entzücken versetzte, erst recht nichts über den Garten Eden, in dem wir später einmal für alle Ewigkeit lustwandeln wollen.
Es existieren zwar kostbare Handschriften, Dokumente und Beschreibungen über ausgedehnte Parkanlagen zum Beispiel in China und Japan, die vor mehr als dreitausend Jahren ihre Pracht entfalteten, doch einen Eindruck vom wirklichen Aussehen vermitteln diese schriftlichen Hinterlassenschaften nur begrenzt. Um sich ein blühendes Bild von diesen Gärten zu machen, ist wohl ein grünes Auge gefragt, viel Fantasie und die Geduld, für das, was langsam und allmählich wächst. Gärten sind gestaltete Sehnsuchtsorte, die Zukunft im Blick haben und meist uralt sind. Gärten von heute und die von anno dazumal wollen gepflegt und gehegt werden, damit sie sich von ihrer schönsten Seite zeigen. Blumen, Büsche, Bögen, Hecken, Wiesen, Labyrinthe verlangen Aufmerksamkeit, sowohl während der Arbeit des Anlegens als auch beim Betrachten. Gärten wechseln nicht nur die Farbe im Lauf der Jahreszeiten, auch sie gehen mit der Mode, genauso wie die Flaneure und Spaziergängerinnen in ihnen. Nymphen, antike Schönheiten in kühner Nacktheit, Schildkröten und Gnome, stolze Reiter oder verschmitze Gartenzwerge haben ihre Zeit in den Gärten so wie Hyazinth und Tulipan, oder auch die plätschernden Wasserspiele am heckenumsäumten Brunnen.
Mit stiller Beharrlichkeit und andächtigem Staunen gegenüber der gestalteten Formschönheit lädt der für seine Gartenbilder längst bekannte Fotograf Alain Le Toquin zu einem Spaziergang durch die Gartenkunst aus zwei Jahrtausenden ein. Mit diesem prächtigen Bildband knüpft er an den Erfolg seines Buchs „Die schönsten Gärten der Welt“ an und überrascht gleichwohl mit neuen Entdeckungen und Annäherungen. 130 klassische und dem aktuellen Zeitgeschmack entsprechende Gartenanlagen in insgesamt zwanzig Ländern hat er im Bild festgehalten. In der Gartenanlage der antiken Hadriansvilla in Tivoli bei Rom als ältestem Beispiel spiegeln sich die Karyatiden im Wasser. Zypressen umstehen sie dunkel und schwer. Im Klostergarten der Kathedrale von Saint Martin wachsen üppiggrüne Heilkräuter in quadratischen Heckenbeeten. Ein Blick auf das Bild mit den gotischen Arkaden und dem satten Grün und schon meint man den Duft von Koriander und Thymian, von Lavendel oder Johanniskraut in der Nase zu spüren. Alain Le Toquin zeigt uns die Gärten in ihrer ganzen Pracht, gelegentlich auch mit dem liebevollen Blick auf das Detail. Die Majolika leuchtet sonnengelb im neapolitanischen Klostergarten Santa Chiara, im amerikanischen Botanical Garten von Huntington scheinen die Statuen Reigen zu tanzen und im Schwetzinger Garten pfeifen und spritzen die Spatzen von den Dächern.
Anzeige Die Balkongärten in Barcelona mit ihrem hängenden Grün vor einer Betonfassade sind die modernen Formen der Gartenkunst, Oasen für das Auge, kleine Wunder der Natur, die sich entfalten. Blütenfülle, Farbenpracht, Formenreichtum so weit das Auge reicht. Astern sollten überall hin verpflanzt, einen Sternenhimmel über die Erde bilden.
Mollige gelbe Kakteen formen ein Bollwerk oberhalb von Santa Monica im Getty Center und im Künstlergarten des Jacques Majorelle vereinen sich das Blau und das Grün zu einem sinnlich intensiven Gesamtkunstwerk.
Alain Le Toquin fotografiert keine Gärten für Gartenliebhaber zum Nachpflanzen. Er zeigt Größe, Erhabenheit und Fläche. Er versammelt überraschende Blickwinkel, einmalige Momente, er fängt Stille ein und Duft, sanftes Plätschern der Springbrunnen und den Wind, der durch die Bäume streichelt. Der Journalist Jacques Bosser schreibt knapp informative Texte zu den Gärten und damit kann man staunend und still in der Sesselecke stundenlang spazieren gehen, im schönsten Lichtblau des Himmels, mag es draußen stürmen oder schneien.