Jedem, der mal in seinem Leben Schach gespielt hat, dürfte mit dem Begriff Zugzwang etwas anfangen können: Es handelt sich hierbei um eine Situation in der man, egal mit welchem Zug seine Spielsituation nur verschlechtern kann. Nun gibt es diesen Zugzwang leider nicht nur bei Spielen, sondern ab und an auch im "richtigen" Leben. Und von solch einer Situation handelt der gerade erschienene Roman"Zugzwang" des irischen Autors Ronan Bennett, der parallel auch als Hörbuch zu haben ist.
Wir befinden uns im St. Petersburg des Jahres 1914. Die europäischen Großmächte steuern in vollem Bewusstsein und doch irgendwie plan- und orientierungslos auf den Ersten Weltkrieg zu und in St. Petersburg steht ein bedeutendes Schachturnier bevor, in dem der spieltechnisch brillante aber psychisch labile Awrom Rozental endlich gegen den amtierenden Schach-Weltmeister Emanuel Lasker um dessen Titel spielen wird. Unterstützung findet er - wie auch heute noch so viele Spitzensportler - bei finsteren Mächten, die allerdings nicht ganz selbstlos nur sein Spiel und seinen Sieg im Auge haben.
Ins Zentrum seiner Geschichte aber hat Bennett, der bereits mit seinem 2002 erschienen Roman "Über den dunklen Fluß" für ein Aufhorchen sorgte, einen Psychoanalytiker gestellt: Dr. Otto Spethmann, der nicht nur mit seiner pubertierenden und rebellischen Tochter Catherine und gegen den Verlust seiner Ehefrau zu kämpfen hat, sondern plötzlich von der Polizei des zweifachen Mordes verdächtigt wird. Kein Wunder also, dass er sich auf seinen Beruf und seine Praxis nicht mehr so 100%ig konzentrieren kann - und den unvermittelt vor seiner Praxis stehenden Awrom Rozental aus seiner psychischen Labilität nicht wirklich befreien kann. Und als wäre dies nicht genug, verliebt er sich in eine verheiratete Patientin bzw. wie es so schön heißt: Klientin, deren Vater zu den einflussreichsten Persönlichkeiten der St. Petersburger Gesellschaft gehört. Derart in die verschiedensten Beziehungsgeflechte verstrickt, bleibt Spethmann nichts anderes übrig als sich nach und nach durch dieses Gestrüpp zu kämpfen, dessen moralische Untiefen mit jedem Zug klarer und offensichtlicher werden.
Anzeige Und so mutiert diese Geschichte zu einer Parabel über die klassichen Themen Liebe, Intrigen und Verrat. Und über all dem schwelt die bevorstehende Katastrophe des sich anbahnenden Weltkrieges.
Es ist einiges an Motiven, Bildern und Allegorien, die Ronan Bennett seinen Lesern zumutet und auch das Nebeneinander von Krimi, Psychoanalyse, Vorkriegspolitik und Brettspielkunst wirkt etwas überambitioniert, mindestens aber unausgegoren. Man hat den Eindruck, dass sich der Autor mit seinem Roman ein wenig verzettelt hat. Zu aufgetragen wirken die unzähligen Anspielungen auf die politische Großwetterlage und sind an vielen Stellen einfach deplaziert bzw. zu offensichtlich. Dass dieser unausgegorene und irgendwie unfertige Eindruck auf eine ungeschickte Kürzung der Hörbuchfassung zurückzuführen ist, ist eher unwahrscheinlich - ist es doch die sonore Stimme und die facettenreich gestaltete Lesung des Schauspielers Hans Kremer, die zum Weiterhören anregt.
Dabei macht Bennett zu Beginn seines Roman vieles richtig und schafft eine gleichzeitig düstere und doch fesselnde Atmosphäre. Die gelungenen und unterhaltsamen Schilderungen der illustren Petersburger Gesellschaft und sein Gespür für pointierte Dialoge, die die Handlung vorantreiben, sind große Pluspunkte dieses Romans. Doch mit dem Fortschreiten des Plots tauchen immer mehr Ungereimtheiten auf und der so vielversprechend begonnene Thriller kann dieses Niveau leider nicht halten und entwickelt sich so zu einem nur noch durchschnittlich-soliden, immerhin leidlich spannenden Krimi. Und so überrascht dann auch das Ende dieses Roman nicht mehr sonderlich - es ist der typische und inspirationslose Griff des Autors zum Deus ex machina, der zwar das Ende dieses Romans nicht aber den Roman selbst rettet.