ist eine Fiktion, die sich ständig fortschreibt, schrieb Günter Grass, als er in Berlin lebte. Andere Autoren haben ähnliche Eindrücke über die Metropole zu Papier gebracht. Die Stadt lädt zu vielfältigen Perspektiven auf sich selbst ein, erfindet sich neu, zeigt sich sowohl in Glanz und Glamour, als auch zerschnitten, verwahrlost, trostlos. Die Stadt will, das belegt nicht zuletzt ein Blick auf vielfältige Berlin - Romane und – Bücher, erobert, verführt, verstanden, eingesogen werden.
Film B, der Debütroman des eben dreißigjährigen Journalisten und Autors Tobias Schwartz ist auch ein Berlin-Buch, eines, das man in der U- Bahn lesen sollte, wie Armin Petras im Vorwort dazu schreibt, „in einer U-bahn, die es so nicht mehr gibt, in der wir aber alle gesessen haben.“
Vielleicht kennen wir die drei Protagonisten tatsächlich aus einer dieser öden U- Bahnfahrten, wo die Obdachlosen durch die Waggons schlurfen, oder Jugendliche mit zwei Bierflaschen in der Hand den starken Max markieren.
Typen wie Stefan kommen uns durchaus alltäglich vor, er ist lässig, genervt und kaputt in einem. Stefan arbeitet als Pfleger auf einer Psychiatriestation, oft in der Nachtschicht und ehe er die Patienten irgendwie mit Nachtmedizin, Zurechtweisungen oder auch ein paar Sätzen zur Ruhe gebracht hat, ist sein Adrenalinspiegel anhaltend in die Höhe geschnellt. Im Verlauf des Romans wird Stefan immer weiter in den Bereich des Wahnsinns rücken, die Normalität verlassen, schleichend und stetig und irgendwann Amok laufen. Lars ist Patient in der Psychiatrie, doch er versteht sich auf kleine Fluchten, reizt seine Grenzen aus, sitzt im Biergarten, beobachtet Passanten, hofft auf Frauen, auf Sex, auf Normalität.Gaby sucht gern die Nähe von Lars, sie tanzt mit ihm, wartet auf ihn, will ihm helfen, ganz aus der Klapse rauszukommen und bastelt an ihrer Karriere als Sängerin.
Anzeige Die drei Protagonisten drehen sich umeinander, als seien sie aneinander gekettet. Sie beobachten sich, missgönnen sich ein Stückchen Glück oder Erfolg, sie ziehen sich an, stoßen sich ab, sie verlieren sich und sind ohnehin in irgendeiner eigenen Welt, in der Musik, in Texten, oder auch im Wahn und im Drogenrausch verirrt und verloren.
Vielfältige Zitate aus aktuellen Songs spielen eine entscheidende Rolle in Film B, schließlich ist Gaby Popsängerin. Ansonsten mischen sich Gedankenfetzen, Augenblickssituationen, Halluzinationen. Es sind Selbstgespräche und absurde Dialoge, die sich da über die Seiten mäandern, mühsam und schleppend. Es sind Wortfetzen, wie man sie an vielen Ecken Berlins aufschnappen kann, Kraftausdrücke, Flüche über teure Eintrittspreise, Anmache, Pöbeleien. Jeder Atemzug, jede noch so kleine Bewegung wird notiert und wie in einem Film mit der Kamera festgehalten. Eine Woge aus Banalitäten, aus Langweile und Ödnis breitet sich da aus.
Zum Beispiel so: „Ich schütte mir in der Küche noch ein bisschen Ananassaft in mein Glas. Ich glaub, Lars kommt nicht mehr. Warten, jetzt als Problem. Wartet man, wartet man zu lang. Da lasse ich mich nicht darauf ein. Ich beobachte den Raum, bin zu Hause. Abgefahren.“ Oder so: „Habe angefangen am Becken vorbei zu pinkeln und seit Wochen das Klo nicht mehr geschrubbt...Noch könnte ich anfangen, langsam das Bad zu putzen, Katharsis, philosophisch betrachtet. Erst das Klo, damit ich wieder atmen und Besuch empfangen kann." So oder ähnlich breiten die Drei ihr Innenleben vor den Lesenden aus.
Film B entwickelt dafür keine neue Sprache, schafft keine wirkliche Zwischenwelt im unklaren Übergang zwischen Normalität und Wahnsinn. Das wäre ja immerhin etwas. Film B tut so, als wäre jede Banalität, jeder Stuss und jede Kaputtheit bedeutungsschwanger. Das nervt und dabei bleiben Spannung, Authentizität und vor allem die Leselust schnell auf der Strecke. Irgendwann läuft Stefan Amok, Lars wird mit Spritzen ruhig gestellt und nach 200 Seiten ist Film B endlich zu Ende.
Es sei ein Buch über Berlin, schreibt Armin Petras, und das stimmt sicherlich, denn diese dröge Langeweile, die Perspektivlosigkeit und das Dahindämmern im Rausch gehören ebenso zu Berlin wie dessen grelle Seiten. Film B sei ein Buch, wie Berlin es brauche, schreibt Armin Petras weiter und da irrt er gewaltig.