Ortheils "Ausstellungskonzept" über das Fremde und das Vertraute in der Liebe
Hanns-Josef Ortheil verwebt Literatur, Kunst und Musik zu einem vielschichtigen, imaginären Klangteppich unterschiedlichster Liebesvariationen. Entstanden sind wunderbare Züricher Herbst-Symbiosen.
Hanns-Josef Ortheil ist der große Romantiker für die Generation 40+. Bereits mit seinem 2003 erschienenen Liebesroman Die große Liebe hatte er die Verantwortung für ein erfülltes Miteinander in die Hände eines reiferen Paares gelegt und gezeigt, dass es möglich ist, dieses Thema einfühlsam und nicht-trivial zu behandeln.
In seinem neuen Buch Das Verlangen nach Liebe lässt Ortheil, selbst 56 Jahre alt und Professor für kreatives Schreiben an der Universität Hildesheim, seine Liebenden (beide Mitte vierzig) im herbstlichen Zürich zusammenfinden.
Johannes, erfolgreicher Konzertpianist, wird in wenigen Tagen mit Mozarts Sonaten in der Züricher Tonhalle gastieren. Bei einem Spaziergang am Seeufer sieht er auf einer Holzbank die schlafende Judith, seine große und einzige Liebe, die vor achtzehn Jahren zerbrach und ihn psychisch in ein tiefes Loch stürzte. Mit ihr verlor der introvertierte Künstler, den die Musik damals so stark beherrschte, dass er immer Gefahr lief, in Einsamkeit abzugleiten, seine "Weltübersetzerin", seinen Gegenpol. Judith war diejenige, die es ihm ermöglichte, wieder freieren Zugang zur Welt zu finden.
Emotional aufgewühlt und bar jeglicher klarer Gedankengänge, traut er sich nicht, sie anzusprechen. Aus sicherer Entfernung betrachtet Johannes durch sein Fernglas das "Gemälde" der schlafenden Frau, zoomt sie heran, visualisiert Details und macht ein paar verstohlenen Fotos.
Der Zufall führt beide am nächsten Tag erneut zusammen. Dieses Mal ist es Judith, die Johannes erspäht. Die mittlerweile habilitierte Kunsthistorikerin, die in Zürich eine Ausstellung kuratiert, reagiert wesentlich couragierter. Sie spricht ihn an.
Imaginäre Erinnerungsräume im gemeinsamen Dasein
Bei gemeinsamen Gesprächen und Spaziergängen ("gehen, weit gehen, langsam eindringen in dieses (...) vertraute Terrain") nähern sich beide von neuem zaghaft an, finden schon bald ihre alte Vertrautheit wieder und erkennen das noch immer starke Band ihrer Zusammengehörigkeit: die Magie ihrer Liebe entsteht erneut. Die vergangenen achtzehn Jahre scheinen sich im Nebel und dem golden-silbrigen Licht des Zürcher Sees aufzulösen. Judith und Johannes knüpfen dort an, wo sie einst aufgehört haben: an ihrer gemeinsamen Begeisterung für Kunst, Musik und Literatur. Sie nannten es damals "das gemeinsame Dasein".
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In Erinnerungen schwelgend diskutieren sie auch ihre neuesten künstlerischen Projekte. Das Konzept von Judiths Ausstellung "Ländereien der Malerei" hat der Autor raffiniert und kunstvoll als zentrales Konstruktionsgerüst für die gesamte Buchstruktur gewählt und in divergenten Modifikationen immer wieder eingeflochten.
Worum geht es? Von berühmten Gemälden wurden mit unterschiedlichem Fokus mehr oder minder große Ausschnitte fotografiert: das Bild wurde sozusagen in Segmente zerlegt. Diese Fotografien werden dann gemeinsam mit dem eigentlichen Gemälde gezeigt; sie umrahmen das Bild. Das Original in seiner Gesamtheit und die fotokopistischen Ausschnitte gehen dadurch eine Symbiose ein und schaffen eine verbundene Komplexität. Das ursprüngliche Bild lässt sich im Zuge dessen in seinen "Ländereien" - zwischen Ganzem und Detail - neu studieren. Der Betrachter kann sich eigene imaginäre Erinnerungsräume schaffen.
Und dieses raffinierte Gleichnis entdeckt der aufmerksame Leser an vielen Stellen des Buches: bisweilen offensichtlicher (Johannes fotografiert die schlafende Judith auf der Parkbank), ein anderes Mal latenter. Immer wieder führt Ortheil an dieses Konzept heran. Der Autor zerlegt einzelne Episoden in Segmente und fordert den Leser auf, die "Ländereien" des Romans analog diesem Ausstellungskonzept zu erkunden. Wobei das "Ergebnis" recht unterschiedlich ausfallen dürfte, denn jeder Leser wird bestimmte Situationen, sei es eine detailliert beschriebene Essenszeremonie (derer es viele gibt) oder aber die reichlichen Reflektionen der beiden Liebenden über ihre Vergangenheit, unterschiedlich interpretieren. Er kann individuelle Räume entwerfen und persönliche Schlüsselszenen entdecken.
Worte wie Musik
Überdies zeichnet sich das Buch durch tiefsinnige, intelligente und schöngeistige Selbstreflektionen des Klaviervirtuosen Johannes aus. Ortheil, der selbst Pianist war und Kunstgeschichte, Musikwissenschaften, Germanistik und Philosophie studierte, weiß die Empfindungen einer sensiblen Künstlerseele fast körperlich spürbar zu machen. Die Worte und Sätze durchziehen diesen Roman wie ein virtuoses Klavierspiel. Der Autor füllt die Atmosphäre eines leeren Raumes mit einem "feinen, mal dahinperlenden, mal stehenbleibenden, die Stille ausmessenden Klang." Seine Beschreibungen sind Töne, die sich nach und nach zu wohlklingender, schillernder Musik konturieren: Musik für die Augen und Farbenspiele für die Ohren.
Das Verlangen nach Liebe ist ein visuell akustisches Literaturerlebnis, ein kluges und gefühlvolles, betörendes und emphatisches Buch.
Das Ende lässt Ortheil bewusst offen. Judith bleibt in Zürich und Johannes reist zu seinem nächsten Konzert. Ist der Abschied ein (Neu-)Anfang? Wird es eine gemeinsame Zukunft geben? Und welche Auswirkungen hat das tiefgründige Gespräch mit Judiths Assistentin Anna? Vielleicht kommt alles ganz anders? "Dein Leben ist im Umbruch und erhält neue Konturen", sinniert der Ich-Erzähler, der an solchen emotionalen Wendepunkten von Zeit zu Zeit in die 2. Person verfällt, "ein Fortspinnen von Motiven mit Umkehrungen und Reprisen, ein Zerlegen und Variieren, eine einzige, große Komposition."
So wie Judith ihre Ausstellung als "Seelen-Gemälde mit unendlich vielen, noch erst zu entdeckenden Geschichten und Dramen" bezeichnet, offenbart auch Hanns-Josef Ortheils Roman viele Variationen des Verlangens nach Liebe.
Fazit: "Die Liebe und die Musik wirken wie Medien einer Verwandlung der Welt ins Emphatische, so wurde die Welt Text und Klang, so wurde sie Erzählung und Komposition.", sinniert Johannes. Diese Worte stehen stellvertretend auch für diesen Roman und dessen Duktus, der beinahe an die Versponnenheit mancher Kompositionen Franz Schuberts erinnert.
Das Verlangen nach Liebe ist ein Buch, welches Freude am Innehalten erzeugt.
Hanns-Josef Ortheil Das Verlangen nach Liebe Luchterhand, München (August 2007) 318 Seiten, Gebunden, 19,95 Euro
ISBN 10: 3630872638
ISBN 13: 978-3630872636