England 1526: Ihre Eltern sind gestorben. Meg wächst in der Familie Thomas Mores auf, der neben den eigenen Kindern noch weiteren Mündeln eine gute Erziehung zu teil werden lässt. John Clement, der Lehrer der Kinder, ist Meg ein Trost in der schweren Zeit, die sie durchmachen muss. Als Meg fünfzehn ist, verlässt er die Familie. Aus der Freundschaft hat sich längst mehr entwickelt, zugelassen nur in der Fantasie.
Erst zehn Jahre später, als John Clement sein Studium beendet hat, hört sie von ihm wieder mehr als die bloße Erwähnung seines Namens in Gesprächen. Er will bald als Arzt praktizieren. Meg teilt sein Interesse für Medizin, sie interessiert sich für Pflanzenheilkunde.
Meg kann seinen Besuch kaum erwarten. Doch zunächst liegt Fremdheit zwischen den beiden. Vor zehn Jahren hat John, ohne dass sie davon erfahren hat, um ihre Hand angehalten. Doch ihr Vater hat nein gesagt und Bedingungen gestellt, die nun erfüllt sind. Es bleibt jedoch beim nein, neue Forderungen werden gestellt.
Ein weiterer Besucher kommt mit derselben Fähre. Es ist Hans Holbein, der Maler, der die Familie zeichnen soll. Meg erobert seine Zuneigung ganz ohne ihr Zutun. Er wird zum genauen Beobachter der Familie, lässt seine Beobachtungen in das Familienporträt mit einfließen. Meg mag seine raue und herzliche Art, doch bis die beiden zusammenkommen wird noch viel Zeit vergehen. So viel Zeit, dass selbst das Familienporträt noch einmal gezeichnet werden muss. Die Geheimnisse, die Hans Holbein mit unterbringen wird, sind brisant. Doch man sieht sie nicht auf den ersten und auch nicht auf den zweiten Blick.
Anzeige Die Autorin beschreibt in ihrem Buch, die schicksalhafte Geschichte der Familie des Gelehrten Thomas More. Dieses Schicksal spiegelt sich in zwei Bildern wider. Man kann im Buch eine Skizze des Familienporträts, aber auch das entgültige Bild, mit seinen Unterschieden betrachten.
Die Geschichte selbst ist ein historischer Roman, der auf Fakten basiert, ausgefüllt mit der Fantasie der Autorin. Entstanden ist ein großartiger Roman, der eine Zeit im Umbruch widerspiegelt und die Folgen insbesondere für die Familie More beleuchtet.
Die Charaktere sind hier sehr genau gezeichnet. Die Autorin versteht es, Gefühle bis in die kleinsten Nuancen hinein zu beschreiben, auch die unvollkommenen Gefühle, die man eigentlich nur schwer deuten kann, vermittelt sie gekonnt und bedient sich dabei eines überaus reichen, gut gewählten Wortschatzes. Sie erweist sich als geniale Beobachterin, der keine Geste und keine Gefühlsregung entgeht, die ihren Lesern gegenüber auch immer wieder den Blickwinkel wechselt.
Hauptfigur der Geschichte ist Meg Giggs, die immer wieder als Ich-Erzählerin auftritt. Sie ist eine hoch gebildete junge Frau, der es aber an Welterfahrenheit fehlt und die deshalb immer wieder die Handlungsweise ihres Vaters und später auch ihres Ehemannes in Frage stellt. Ihre inneren und nach außen hin getragenen Gefühle sind es, die das Buch so tiefgründig machen.
Der Schreibstil der Autorin gefällt ausgesprochen gut. Selten findet man einen so leicht lesbaren historischen Roman, der in einer derart perfekt beschriebenen Kulisse spielt und der schwierige Charaktere stimmig darstellt, ohne dass der Lesefluss darunter leidet.