Germar Grimsen hat vor fast zwei Jahren zusammen mit Sven Regener, dem Sänger der Berliner Musikgruppe "Element of Crime" und Autor von "Herr Lehmann" und "Neue Vahr Süd" ein Buch namens "Angulus Durus - Traum eines lächerlichen Menschen" geschrieben, das, so das Fazit der TAZ, wie ein Drehbuch zu einem Film ist, der nicht zu verfilmen ist. Jetzt hat eben dieser Germar Grimsen mit "Hinter Büchern" ein - ich sag mal vorsichtig: Buch - vorgelegt, das eigentlich nicht zu lesen ist!
Der Verleger des immer wieder abenteuerlustigen Eichborn Verlages, Wolfgang Hörner, spricht im Nachwort dieses mit weit über 450 Seiten starken Debüts von einem "Großroman", wie man ihn in der deutschen Literatur seit vielen Jahren nicht mehr vorgelegt bekommen habe. Nun, diese Aussage ist, den Umfang betreffend, mehr als wahr - und auch, was die Un-Lesbarkeit, Nicht-Verständlichkeit und das Element des Gewollten betrifft: leider auch! Dabei liest sich der Beginn des Romans, eingeleitet übrigens in Hexametern, noch recht flüssig, spannend und eigentlich auch recht interessant und viel versprechend: Christian Keller ist frischgebackener Besitzer eines Antiquariats. Schnell holen den Hölderlin-Kenner die Niederungen des Geschäftslebens ein. Lästige Kunden, unwürdig feilschende Professoren und verliebte Damen setzen dem selbsternannten Weltkulturerbe-Erretter zu. Und während er sich all dessen zu erwehren sucht, verschenkt er ein zerfleddertes Buch, in dem sich ein unbekannter Hölderlin-Erstdruck verbirgt. Dessen Wert wird bald erkannt, und unter den Bremer Antiquaren entbrennt ein heftiger Kampf um die Rarität, um die mit allen - auch sehr kulturfernen - Methoden gerungen wird.
Doch schnell wird der Leser mit der Tatsache, dass er es hier mit einem beinahe größenwahnsinnigen Autor zu tun hat, konfrontiert. Statt sein Augenmerk auf die angesprochene Handlung zu legen, verfranst sich das Buch zunehmend in seitenlangen und viel zu eng gedruckten Fußnoten mit Hinweisen auf die gesamte abendländische Kulturgeschichte und serviert dem Leser so - keinesfalls unterschwellig, wie es vielleicht schöner gewesen wäre, sondern mit dem Zaunpfahl - literarische, bibliothekskundliche und religionswissenschaftliche Kenntnisse in Hülle und Fülle.
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Zugegeben: Man entdeckt manch Komisches, viel Kluges und noch mehr Verstiegenes aus der Kategorie "Was man immer schon mal vergessen wollte/sollte" - aber das Maß, das hat Germar Grimsen nicht gefunden; auch nicht, was seine Moralvorstellungen betrifft, sieht er sich doch als Retter des Abendlandes, der all das Wissen für sich gepachtet zu haben scheint. Allerdings begibt sich Grimsen ab und an mal in die Niederungen des Humors - und die Auftritte des Pärchens, das Hermann und Dorothea heißt, und hinter jeder Ausgabe des gleichnamigen Dramas Goethes her ist, die sind allemal lesenswert und lassen erahnen, dass sich ganz hinten, da am Rande der bildungspolitischen Keulenschläge ein sehr talentierter Autor versteckt, der originelle Ideen hat und zu den wenigen Literaten gehört, die die "normalen" Wege der Literatur verlassen und sich auf Experimente einlassen. Und Experimente, die können mal gelingen - oder scheitern. Warten wir also ab, wie sich Grimsen entwickeln wird. Zumal - und das soll nicht als Drohung empfunden werden - "Hinter Büchern" nur den Auftakt eines zwölfteiligen Zyklusses darstellt. Man darf also noch einiges von diesem (zu?) selbstbewussten und (zu?) engagierten Autor erwarten. Wenn er Glück hat, dann avanciert er schnell zu einem Klassiker, weil dicke Bücher immer entweder als Winterschmöker (dann sind sie gut!) oder Klassiker (dann sind sie größtenteils unlesbar!) enden.
Nur für experimentierfreudige Leser mit einem großen Zeitkontingent mindestens anlesenswert!
Germar Grimsen Hinter Büchern
Der Reigen. Ein- und ausgeleitet von Hexametern aus der Feder Bernd Lüttgerdings mit einem notwendigem Register ausgestattet und einem Nachwort des Verlegers versehen. Eichborn Verlag
Oktober 2007
479 Seiten, gebunden EUR 39,95
ISBN: 382180775X
Ein Debüt, das alle Maßstäbe sprengt "Was ist denn das für ein Irrer, bzw. Genie? Gib ihm um Himmels Willen nen Vertrag, damit der von der Straße weg ist ... Was da alles seinen Samen eingepflanzt hat - Kieseritzky, Monty Python, Flann OBrien, Beckett, Neue Frankfurter Schule und weiß der Teufel, wer sonst noch alles." Frank SchulzDer Büchernarr Christian Keller ist frischgebackener Besitzer eines Antiquariats. Schnell holen den Hölderlin-Kenner die Niederungen des Geschäftslebens ein. Lästige Kunden, unwürdig feilschende Professoren und verliebte Damen setzen dem Weltkulturerbe-Erretter zu. Und während er sich all dessen zu erwehren sucht, verschenkt er ein zerfleddertes Buch, in dem sich ein unbekannter Hölderlin-Erstdruck verbirgt. Dessen Wert wird bald erkannt, und unter den Bremer Antiquaren entbrennt ein heftiger Kampf um die Rarität, um die mit allen - auch sehr kulturfernen - Methoden gerungen wird.