Eine besonders ausgeprägte Kreativität kann man Pressemenschen in Verlagen nicht gerade zubilligen, wenn man bei fast jedem zweiten Horror-Roman liest, dass es sich den jeweiligen Autoren des gerade vorliegenden Buches um den legitimen Nachfolger Stephen Kings handelt. So geschehen auch bei dem Debüt des französischen Autors Alec Covin, das auf den markerschütternden Namen "Die Augen der Angst" hört.
Unabhängig von aller Stephen-King-Nachfolgeschaft, lässt sich sagen, dass sein Erstling wirklich sehr gelungen ist und durchaus zu fesseln und natürlich auch zu fürchten weiß. Worum geht's? Um verdrängte Ängste und Alpträume, die grausam zurückschlagen und dabei gerne auch mal ein Massaker inszenieren.
Die Geschichte beginnt 1970 als der kleine Stanley Holder bei seiner Großmutter zu Besuch ist. Diese erzählt ihm eine unfassbare Geschichte: Sie sei zusammen mit zwei Freunden Zeugin eines grauenvollen Verbrechens geworden, bei dem sich im beschaulichen Ort Tusitala während eines glanzvollen Balls das Herrenhaus der reichen Familie McNeice in eine Feuerhölle verwandelt und quasi die gesamte obere Gesellschaft der Region tötet. Den Brand gelegt hat niemand anderes als der Sohn der McNeices: Charlie. Nur: Das weiß keiner außer den drei Zeugen, die niemals über dieses Verbrechen gesprochen haben und auch der Polizei nicht als Zeugen zur Verfügung standen, niemand. Weit mehr als 30 Jahre später gibt der nicht mehr ganz so kleine und inzwischen arrivierte Thriller-Autor Stanley Holder diese Geschichte im Rahmen eines Newsweek-Interviews zum Besten. Und danach eskaliert die Situation: Erst wird seine Tochter zusammen mit ihrer besten Freundin brutalst enthauptet und dann geschieht im Tusitalas Schwimmbad ein unfassbares Blutbad: Etliche Kinder finden ihren Tod - laut offizieller Ermittlungen, weil ihr Schwimmlehrer Amok gelaufen ist; laut inoffiziellen Angaben, weil ein Hai auf die Kinder losgegangen ist.
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Nach dieser Exposition, die dem Leser schnell den Atem raubt und ihn um den hoffentlich wohlverdienten Schlaf bringt, beginnt die Jagd Stanley Holders, der sich für diese Ereignisse aufgrund seines Interviews verantwortlich sieht auf Charlie Mc Neice und dessen okkulte Organisation Fenreyders Wölfe. Diese Jagd, bei der das Leben mehrerer Menschen auf dem Spiel steht, ist vom Autor spannend und an einigen Stellen sehr überraschend arrangiert und gewinnt schnell an erzählerischem Tempo. Was die Wurzeln der Fenreyders Wölfe betrifft, verzettelt er sich etwas zu sehr in der Geschichte, in der wie fast immer das Dritte Reich und Hitler eine ganz prominente Rolle spielen. Aber das sei dem Autor verziehen - und es ist schon lobenswert, dass er beinahe völlig auf alberne pseudopsychologische Erklärungsmuster verzichtet. Vielmehr macht er sich ein wenig über die Überhand nehmenden Stilblüten seiner AutorenkollegInnen lustig, indem er ein kauziges Polizistenpärchen auftreten lässt, das immer ein Exemplar des Westentaschen-Freud für Polizeibeamte dabeihat.
Insgesamt ist "Die Augen der Angst" ein solider, spannungsgeladener Horrorschocker, der Genrefreunden gefallen und die Vorfreude auf den zweiten Roman des Autors schüren dürfte.
Alec Covin Die Augen der Angst
Aus dem Französischen von Barbara Schaden (Originaltitel: Les Loups de Fenryder)
Lübbe
September 2007
480 Seiten, broschiert, EUR 8,95
ISBN: 3404157761