Ein Sturm vor der Küste von British Columbia lässt einen Fischer und seine Frau spurlos verschwinden. "Deine Eltern sind tot. Sie sind ertrunken", erklären daraufhin die Einwohner des kleinen kanadischen Fischerdorfes Coal Harbour der elfjährigen Primrose. Doch diese bleibt standhaft in ihrem Glauben, dass beide noch leben, dass sie sich auf eine Insel retten konnten und dort warten, bis sie gefunden werden.
"Ist es Ihnen noch nie passiert, dass Sie tief in Ihrem Herzen von etwas überzeugt waren, ohne Grund?", fragt sie die Erwachsenen, die jedoch nur mit Unverständnis reagieren. Intensive Betreuung scheint bei dem Mädchen, deren Haare die Farbe von Karotten mit Aprikosenglasur haben, erforderlich. Doch diese kommt bei den selbsternannten Hobbypsychologen eher mit dem Holzhammer daher. Allen voran die "feinfühlige" Miss Honeycut vom schulpsychologischen Dienst. Sie ist sich sicher, dass Primrose ihren Bezug zur Wirklichkeit verloren hat und macht in ihrer selbstverliebten Art mehr kaputt, als dass sie von Nutzen ist.
Hobbypsychologie mit dem Holzhammer
Zuerst gilt es, eine geeignete Betreuungsperson zu organisieren. Denn die bis dahin eingesetzte ältliche und leicht verwirrte Babysitterin Miss Perfidy, deren Haus penetrant nach Mottenkugeln riecht, ist nicht bereit die Betreuung unentgeltlich weiterzuführen, als das finanzielle Guthaben von Primroses Eltern zu schrumpfen beginnt. Man macht Onkel Jack - den einzigen "verfügbaren" Verwandten - ausfindig. Der ist zwar nicht begeistert von seiner unerwarteten Elternschaft, quittiert aber trotzdem seinen Dienst beim Militär, wird Immobilienmakler in Coal Harbour und nimmt Primrose auf. Doch seine geschäftlichen Aktivitäten sorgen dafür, dass die Elfjährige ziemlich oft allein ist.
Einzig bei Miss Bowzer, der Inhaberin des Restaurants vom "Mädchen auf der roten Schaukel", die all ihre Gerichte auf Waffeln serviert, fühlt sich Primrose geborgen. Ihre ruppige Wärme und ihre handfesten Rezepte sind genau das, was sie braucht. Miss Bowzer lehrt Primrose zu kochen (die leckeren Rezepte sind alle im Booklet abgedruckt!) und ist auch sonst in ihrer burschikosen Art eine gute Lebensberaterin.
Eine warmherzige Geschichte voller skurriler, überzeichneter Figuren
Der deutsche Titel Ein Sommer voller Wunder ist etwas irreführend, denn die Zeit für Primrose ist alles andere als wundervoll. Sie scheint den Ärger anzuziehen wie ein Magnet. Bis es zum unerwarteten Ende kommt, muss das Mädchen schwierige Monate überstehen: Sie wird von einem Lastwagen angefahren und verliert einen Zeh, ertrinkt beinahe beim Warten auf ihre Eltern und versengt das Fell des Klassen-Meerschweinchen. Alle glauben, Primrose sei verzweifelt und wolle sich das Leben nehmen. So sorgt Miss Honeycut dafür, dass sie Onkel Jack weggenommen und an Pflegeeltern vermittelt wird.
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Diese - die etwas einfältigen, aber großherzigen Evie und Bert, ein älteres Ehepaar, deren Statur ihnen das Aussehen von "freundlichen, alten, hart gekochten Eiern" gab - sind die ersten Menschen, die Primrose ernst nehmen und bei denen sie so etwas wie Geborgenheit findet.
Primrose, die immer gern reisen und fort aus ihrem kleinen Ort wollte, entdeckt am Ende der Geschichte, "dass die eigenen Erfahrungen zu Orten werden können, zu denen man reist. Manches erfährst du, wenn du ganz auf dich gestellt bist und ein ander Mal helfen dir Menschen auf die Sprünge, indem sie dir zur Seite stehen. Aber die wichtigsten Dinge, die einem im Leben widerfahren, geschehen auch in so kleinen Orten wie Coal Harbour."
Eine treffsichere Milieustudie
Diese sorgfältig konstruierte und lohnende Geschichte offenbart eine großartige Mischung aus exzentrischem Humor und zarter, kindgerechter Philosophie. Das Mädchen, das man durchaus als kanadische Variante von Pippi Langstrumpf bezeichnen könnte, verliert nie ihren mitfühlenden Blick auf die manchmal nicht sehr liebenswerten Menschen ihrer Umgebung, und bleibt sich stets selbst treu.
Ein langer Sommer voller Wunder ist eine warmherzige Geschichte voller skurril überzeichneter Charaktere, in denen man so manchen Eidgenossen wiederzuerkennen glaubt: eine treffsichere Milieuschilderung.
Primrose hat mit Ina Gercke eine sehr starke Stimme. Sie ist mädchenhaft und vermittelt ihrer Protagonistin jugendliche Unschuld und Sinn für Humor. Aber auch alle anderen weiblichen Charaktere weiß Gercke grandios zu intonieren. Sie trifft den hochmütigen Ton von Miss Honeycut oder den bissigen von Miss Perfidy vortrefflich. Einzig den männlichen Part von Onkel Jack hat sie akustisch etwas überzeichnet, was das Gesamtwerk jedoch nicht negativ beeinflusst.
Fazit:
Polly Horvath erzählt eine wundervolle Geschichte voller Ironie und Lebensweisheit, über Hoffnung und Zuversicht, die auch in schweren Zeiten ein Leben ertragbar machen. Sie macht Primroses Suche nach Frieden und Verständnis zu einem äußerst einprägsamen Werk.
Polly Horvath Ein langer Sommer voller Wunder Sprecherin: Ina Gercke Igel-Records, (August 2007) 3 CDs, ca. 240 Minuten, 19,95 Euro ISBN 10: 389353184X ISBN 13: 978-3-89353-184-4
Voller Wärme und Humor erzählt Polly Horvath von den wichtigen Dingen im Leben, von gutem Essen und einem kleinen Ort. Primrose ist sich sicher, dass ihre Eltern nicht auf hoher See ertrunken sind. Doch bis endlich Onkel Jack auftaucht, nimmt sich erst mal die übereifrige Miss Honeycut des Waisenkinds an. Glücklicherweise ist da aber noch Miss Browzer, die Köchin des eigenartigsten Restaurants der Welt. Mit Rat und Tat und einer Menge Rezepten steht sie Primrose zur Seite bis das Wunder wirklich passiert.