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Startseite arrow Magazin & Interviews arrow Kolumne arrow Frank Schirrmacher: Ich war's nicht

Frank Schirrmacher: Ich war's nicht PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Hans Peter Roentgen, am 02-11-2007 15:25
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Frank Schirrmacher hat den Jacob-Grimm-Preis gewonnen. Und er hat dort eine Rede gehalten. Das wäre weiter nichts besonderes, wenn er da nicht mal wieder das Internet als Urheber des Kulturverfalls benannt hätte.

"Die erste Generation, die seit ihrer Geburt vom Internet geprägt wurde, macht jetzt Abitur. Gleichzeitig steigt der Anteil an jungen Menschen, die bekennen, gar nicht mehr zu lesen, dramatisch an. Und man wende nicht ein, dass der Mensch auf den Vorgang des Lesens nicht verzichten kann. Das Gegenteil ist der Fall. Neben vielem anderen ist das Netz auch ein Medium, das in steigendem Maße Nicht- oder Fastnichtmehrlesen ermöglicht, und wer das nicht glaubt, schaue sich die Verfilmung von Archiven bis zu Gebrauchsanweisungen auf Youtube an."

Aha. Das Internet ist schuld. Und damit das auch jeder begreift, findet sich in der Faz Net auch ein Bild eines staunenden hilflosen kleine Mädchens vor einem großen Bildschirm mit der Unterschrift:

"Eine Generation von Nichtlesern wächst heran"

Internet-Konsum ohne Lesen? Ein bisschen schwierig, außer man heißt Frank Schirrmacher und ist Herausgeber der FAZ. Und wie er es schafft, im Internet ohne Lesefähigkeiten auszukommen, das bleibt ein Geheimnis, das er lieber nicht lüften will.

Dafür erfahren wir, dass Informationen in Zeitungen auf Papier mehr Qualitäten haben, als solche im Internet: „Die Zeitung liefert eine Haltbarkeit von mindestens 24 Stunden, und in ihren Kommentaren, Rezensionen und Kritiken will sie sogar vor der Nachwelt bestehen. Im Vergleich zum Internet ist sie ein retardierendes, also verzögerndes Moment in der gesellschaftlichen Kommunikation “

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Weil die Zeitung 24 Stunden braucht, ist die Qualität höher. Ein etwas merkwürdiges Argument, bedenkt man, dass auch die FAZ mittlerweile im Internet zu lesen ist. Sollte die Qualität der Nachrichten vielleicht doch vom Inhalt und vom Autor abhängen, statt davon, ob sie in Bits und Bytes oder in Druckerschwärze abgelegt wurde?

Christian Stöcker vom Spiegel online hat eine Replik im Spiegel geschrieben. Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil, der Artikel greift Schirrmachers Rede auf, aber leider nicht an. Denn auch Stöcker hält nichts von Differenzierungen.

Jetzt ist Schirrmacher beleidigt, behauptet, nie, nie, nie was Böses gegen die drei W gesagt zu haben, wollte gar für Friede, Freude, Eierkuchen zwischen Internet und Zeitungen werben und wirft dem Spiegel vor, eine Kriegserklärung verfasst zu haben. Und setzt noch einen drauf:

„Nachdenklichkeit, wie sich auch an diesem Fall zeigt, braucht Zeit. Es gibt großartige Beispiele für die Wirkung von Blogs, Nachrichtenseiten, Internet-Erzählungen und Filmen, von großem revolutionären Elan in einer geistig fruchtbaren Welt. Die heiseren Stimmen aber, die sich hier melden, klingen eher nach journalistischer Sahelzone.“

Tja, das stimmt wohl, Nachdenklichkeit braucht Zeit, sowohl im Internet als auch in Zeitungen. Leider scheint Zeit nicht gerade das gewesen zu sein, was Frank Schirrmacher ausreichend zur Verfügung stand. Sonst hätte er nicht solchen, Entschuldigung, Blödsinn verzapft und dann noch öffentlich preisgegeben. Denn es kam in seiner Rede noch besser:

„Fast alles, was im Netz auf Dauer ernst genommen wird, hat seine Urquelle in den Zeitungen.“

Doch hat Frank Schirrmacher das wirklich gesagt? Die SZ behauptet am 29.10. ja, einen Tag später sucht man ihn in der Rede in FAZ Net vergeblich. „In Deutschland nennen wir das, was wir tun, 'Qualitätsjournalismus', und gemeint ist ein Journalismus der großen Zeitungen, der nicht nur auf Verlässlichkeit setzt, sondern auch einer redaktionellen Ausstattung bedarf, die diese Verlässlichkeit sichert “ meinte Schirrmacher auch, aber dass Sätze einfach verschwinden oder dazugedichtet werden, das deutet nicht daraufhin, dass wir uns darauf verlassen könnten.

Doch mal abgesehen davon, wer diesen Satz sagte und ob überhaupt, er kennzeichnet schon die Meinung von SZ und FAZ, die bekanntlich den Perlentaucher gerade verklagen, weil der gar zu viel verlinkt und verrät in seinen Berichten. Sollte die Grimm-Rede da Schützenhilfe leisten?

Und ist es Qualitätsjournalismus, wenn Zeitungen wie die FAZ Kampagnen lostreten, wie im Falle Perlentaucher, im Fall Grass und ähnlichem, Kampagnen, in denen ganz bewusst nicht mehr zwischen Meinung und Tatsachen getrennt wird, einem der wichtigsten Merkmale seriöser Journalisten? Was soll man davon halten, dass Bild am nächsten Tag – oh Wunder -, die Themen aufgreift und FAZ Anwälte abmahnen, wenn das erwähnt wird und dabei das Datum um einen Tag falsch geschrieben wurde – so jedenfalls soll es in einem weiteren Fall beim Perlentaucher geschehen sein.

Dabei greift Schirrmachers Rede bei der Verleihung des Grimm Preises eine wichtige, entscheidende Frage auf: Wie kann im Internet, dessen Inhalte bekanntlich fast immer kostenlos sind, verlässliche Informationen sichergestellt werden? Denn das kostet Zeit und Geld.

Leider ging genau diese, die entscheidende Frage unter im Gebrabbel um Analphabeten, die angeblich im Internet bloggen; um Rachefeldzüge und darum, dass allein eine gedruckte Zeitung Qualität garantiere. Dass letzteres nicht der Fall ist, beweist Schirrmacher – egal ob im SZ- oder FAZ-Stil – deutlich.

 

 



Letztes Update: 29-11-2007 19:38

Veröffentlicht in : Magazin, Kolumne
Schlüsselworte : Frank Schirrmacher, FAZ, FAZ Net, Spiegel, Spiegel Online, Bild, SZ, Grimm-Preis, Internet, Printmedien, minimum
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