White Bicycles ist eine elegante und spannende Chronik der Sixties, ein wunderbarer anekdotenreicher Zeitzeugenbericht eines Mannes, der (fast) immer mit dem richtigen Job zur richtigen Zeit am richtigen Ort war: Die Sechziger dieses Mal nicht aus der Sicht des Künstlers, sondern des Beobachters und Ermöglichers.
Wer ist Joe Boyd? Ein Platten- und Filmproduzent, so steht es auf seiner Homepage. Doch diese gibt nicht annähernd wider, was dieser Mann wirklich bewirkte. Joe Boyd ist DER Plattenproduzent der 60iger Jahre und eine Schlüsselfigur der englischen Musikszene. Man braucht sich nur die Liste von Karrieren anschauen, an denen er beteiligt war: Muddy Waters, Stan Getz, Bob Dylan, Pink Floyd, Fairport Convention, der Incredible String Band und natürlich, Nick Drake. Doch der 1942 in Boston Geborene ist ein Unbekannter geblieben, er stand nie im Rampenlicht, sondern zog im Hintergrund die Fäden - mit umso größerer Wirkung.
Pink Floyd waren zunächst eine Bluesband
Das vorliegende Buch White Bycicles erzählt Geschichten über alle die Musik-Größen der 60er: "Pink Floyd waren zunächst eine Bluesband, aber nachdem ein Kunstfilmer sie um eine experimentelle Filmmusik gebeten hatte und Syd Barret erste Erkundungen auf dem Gebiet der bewusstseinsverändernden Drogen unternommen hatte, war ihre Musik in eigenständigere Fahrwasser geraten.", erzählt Boyd und er erzählt auch, wie er die Band bald darauf an EMI verlor und seine eigene Firma, Witchseason, auf dieses kräftige Zugpferd verzichten musste. Das war nicht der einzige Fisch der ihm vorzeitig vom Haken sprang. Auch eine junge schwedische Folk-Band namens Abba erweckte sein frühes Interesse, bevor er sie wieder verlor.
White Bicycles ist ein Buch über "making music in the 1960s" und es endet (außer einem kurzen Kapitel, das von seiner späteren Arbeit erzählt) mit dem Tod von Nick Drake. Boyd schließt mit folgendem Statement: "Ich war nie zu stoned. Ich wurde die graue Eminenz, die ich hatte werden wollen, und ich bin der lebende Gegenbeweis für zumindest einen Myhos der Sechziger: Ich war dabei, und ich kann mich dran erinnern."
Pete Seeger zerhackt Bob Dylans Kabel seiner E-Gitarre
Und er war tatsächlich dabei: so zum Beispiel beim Newport Folk Festival, als Bob Dylan seine Klampfe ablegte, sich die E-Gitarre umhing und eine Revolution entfachte. Boyd räumt auf mit dem Gerücht um Pete Seeger, der daraufhin zur Axt griff, um Dylans Stromkabel zu zerhacken. Es geschah natürlich nicht. Sicher gab es eine Axt, und Pete Seeger war dort, und er war auch nicht froh über Dylans elektrisches Experiment - aber es hat sich nicht ereignet! Boyd war auch dabei, als Pink Floyd für den Film Tonight Let's All Make Love in London spielte. Er spielte Chaffeur für Sleepy John Estes, er stritt mit Coleman Hawkins und er arbeitete mit Eric Clapton.
Anzeige Mehr als jede vorherige Musik-Autobiografie der sechziger Jahre zeigt White Bycicles die wirkliche Geschichte, wie es war, in dieser denkwürdigen Zeit. Dieses Buch bietet wunderbar lebendige Bildnisse vieler Musik-Ikonen der damaligen Zeit, die zum Teil in Vergessenheit geratenen sind: vom großen Jazzer Coleman Hawkins, der Folk-Diva Sandy Denny, Lonnie Johnson bis zu Sister Rosetta Tharpe. Boyd lässt viele Musiker in kurzen prägnanten Beschreibungen nahezu körperlich greifbar werden. Er vermittelt einen Eindruck, wie es auf Konzerten zuging, nimmt den Leser Backstage mit, beschreibt feinfühlig die zum Teil exzentrischen Persönlichkeiten, die Querelen im Studio, die Höhenflüge und Abstürze.
Boyd war die Leitfigur des psychedelischen Underground
Im Wesentlichen ist White Bicycles die Geschichte von Boyd; von seiner Leidenschaft am US-Blues, dem Jazz und der Folk-Szene von Anfang bis Mitte der 60er Jahre, von seinen Jahren in England, seiner Beteiligung am legendären UFO-Klub, zu dessen Leitfigur des psychedelischen Underground er wurde.
Wie Boyd, ist White Bycicles ein ehrliches, intelligentes Buch, mit einem sympathischen und unprätentiösen Stil und (wahrscheinlich im Gegensatz zu Boyd selbst) sehr leicht zu lesen, auch wenn die vielen Namen anfangs für Verwirrung sorgen. Wolfgang Müller hat es flüssig und spritzig aus dem Englischen übersetzt. Das Buch gewährt einen grandiosen Einblick in eine Zeit, in der die Popmusik noch etwas anderes als pure Marketingstrategie und das daraus resultierende Mainstreamgedudel war. Damals wurden die politischen Inhalte der Songs wahrgenommen und konnten noch etwas bewegen.
Zu vorliegendem Buch ist übrigens auch eine CD erschienen, der Soundtrack zu Boyds Leben: mit Beiträgen von The Incredible String Band, Pink Floyd, Soft Machine, Fairport Convention, Nick Drake, Vashti Bunyan, John & Beverley Martyn, Nico u.a.
Fazit:
Jon Boyd mäandert durch seine Erinnerungen, entwirft ein fundiertes, plastisches Bild der Musikbewegung der 60er Jahre und lässt die Stimmung von damals geradezu greifbar wieder aufleben. Ein Buch für alle, die sich für die Musik, aber auch die Kultur und sogenannte Gegenkultur der 60er und 70er Jahre interessieren.
Joe Boyd White Bicycles. Musik in den 60er Jahren Titel der Originalausgabe: White Bicycles - Making Musik in the 1960s Aus dem Englischen von Wolfgang Müller Verlag Antje Kunstmann, 2007
352 Seiten, gebunden, 24,90 Euro
ISBN 10: 3888974917
ISBN 13: 978-3888974915