Rein zufällig, keinesfalls aus eigenem Antrieb, sondern eher genötigt von einer Verlagsvertreterin habe er einige Geschichten zu Papier gebracht, hat der Schauspieler Ulrich Tukur in verschiedenen Talkshows und Interviews erzählt, gerade so, als müsse man ihn bedauern für diesen Zwang zum erzählerischen Tun. Ergebnis dieser verlegerischen Überredungskunst ist ein Band mit venezianischen Geschichten, die nicht zwingend etwas aus der Stadt erzählen, oft genug auch weit weg von der Lagune spielen, aber doch in Venedig entstanden sind.
Ulrich Tukur lebt seit einiger Zeit dort, wenn er nicht gerade irgendwo vor der Kamera steht. Die Geschichte, wie die Wahl auf Venedig fiel, hat er ebenfalls in den Talkshows zum Besten gegeben, sie ist aber auch in den vorliegenden Erzählungen nachzulesen.
Ausgangspunkt war eine Beziehungskrise. Die geliebte Frau hatte sich aus dem Staub gemacht, Tukur buhlt um sie und schließlich kommt es zu einem Treffen in Madrid. Sie signalisiert die Bereitschaft, es nochmals mit ihm zu versuchen, allerdings nur mit einem Wohnort außerhalb Deutschlands. Fast zufällig wählen sie den Weg nach Venedig, lassen sich entlang der Kanäle durch die Stadt treiben und im Handumdrehen, so scheint es, zieht Tukur das nötige Geld für eine baufällige aber bezaubernde Wohnung auf der Giudecca aus der Tasche. Die beiden machen sich daran, das Dach abzudichten und das Gemäuer auch sonst einigermaßen wohnlich zu gestalten. So wird aus dem in Viernheim geborenen Schauspieler ein Wahlvenezianer, der aus der drückenden Sommerhitze der Stadt auf seinen toskanischen Landsitz entflieht.
Anzeige Dort ist die erste Geschichte angesiedelt und sie beginnt gleich mit dem Tod des Ich-Erzählers. Beim Versuch, eigenen Wein zu brauen, ist er im Keller nach üppigen Kostproben eingeschlafen, einige Tage später erfroren gefunden und von den Bewohnern notdürftig begraben worden.
Diese Geschichte zeigt deutlich Tukurs Erzählstil. Er pendelt zwischen Fiktion und Realität, fabuliert und erfindet und nie ist wirklich zu erkennen, ob er seiner Fantasie freien Lauf lässt oder tatsächliche Erlebnisse wiedergibt. Vom Tod ist immer wieder die Rede, zum Beispiel von dem seines Hundes Benny, den er einschläfern muss, der auf der Giudecca begraben wird und sich mit einer hellen Wolke am Himmel verabschiedet. Auch der begabte Eiskünstler, der mit wunderbar cremigem Speiseeis seinem alten Schulfreund Francesco in Hamburg aus der Patsche hilft und dessen Eisdiele berühmt macht, wird auf dem Höhepunkt des Erfolgs ganz unerwartet vom Tod heimgesucht. Doch offensichtlich ist es ein gnädiger Tod, den er fährt im roten Sportwagen vor, begleitet von einer vollbusigen schönen Frau.
Tukur fabuliert Geschichten aus seiner Jugendzeit, schreibt von seinem Weg über das Straßentheater zu Schauspielschule, von der Arbeit mit Peter Zadek. Dieser Regisseur und Zauberer sei so wie ein Dieb in ein nächtliches Kaufhaus immer wieder in eine ihm fremde Welt eingestiegen und habe mitgenommen, was ihm dienlich erschien, Fantasien, Geschichten, Träume.
Ähnlich scheint auch Tukur zu seinen Geschichten gefunden zu haben. Sie sind alle ein wenig versponnen, manchmal grell und bunt, fast zu überladen für diese gradlinig feine Stadt Venedig, dann wieder verhangen wie ein Regentag über der Lagune. Sie spielen in den engen Gassen oder irgendwo auf Sardinien, in Deutschland oder in einer Fantasiewelt, doch sie sind prall und voller Leben, wenn auch merkwürdig bizarr und changierend, so dass am Ende die Frage offen bleibt, ob sie gut erfunden und sprachlich farbig ausgemalt, oder tatsächlich beobachtet sind.
Traumhafte Momente und Augenblicke aus Venedigs Winkeln und Gassen hat Ulrich Tukurs Frau, die Fotografin Katharina John, in poetischen Schwarzweiß-Fotografien eingefangen.
Geschrieben von Secretarius, am 19-08-2008 13:55, , Registriert
1. Tukurs Bild des Mamma und der Madonna
Für mich ist diese Geschichte am wichtigsten: "Venedig liegt am Schulterblatt" (103 ff.) „Venedig ist überall.“ ... Auf Befehl der Mutter geht der junge Arturo ins Haus der Geliebten des Vaters: „Da steig hinein und sei leise. Wenn du deinen Vater siehst, hol ihn heraus…“ - Eine ihm völlig unbekannte Szene: „… eine blonde Frau auf einem Bett knien. Sie war vollkommen nackt…“ Entsetzen und Hilflosigkeit...! Thema: Unvermittelte Begegnung des Kindes mit einer drallen, eigenmächtigen Geliebten des Vaters beim Sex; die weibl. Funktion überträgt er auf Abbildungen der Gottesmutter als Madonna.