In Fortsetzung seiner Autobiographie < Der Verräter> hat sich André Gorz, der französische Sozialphilosoph österreichischer Herkunft, in einem Brief an seine Frau Dorine gewandt.
Es handelt es sich um eine ungewöhnliche Liebeserklärung an seine Lebensgefährtin, mit der er 58 Jahre gemeinsamen Lebens verbracht hat.
Tief berührt erinnert er sich an ihre erste Begegnung. Sein anfängliches Zögern, sich auf eine bürgerliche Ehe einzulassen, stand in engem Zusammenhang mit seiner Philosophie, in der es um Wissensökonomie, gerechte Verteilung der Arbeit und soziale Gerechtigkeit ging. Die nachfolgende Erkenntnis, dass er mit Dorine eine Einigkeit verspürte, die sich auf alle Lebensbereiche ausdehnt, wurde ihm schließlich sehr bewusst. Er liebte sie sehr.
Seine eigene Unsicherheit und mangelnden Fähigkeiten, sich im Leben einzurichten, mit der er sich eher in sich zurückzog, um, wie es heißt, nicht objektivierbar oder identifizierbar zu sein, stehen im Kontrast zu Dorine, die natürlich und selbstverständlich, auch ohne theoretische Kenntnisse, das Richtige denkt, fühlt und sagt.
Anzeige Neben der sehr persönlichen Liebeserklärung an eine Frau, die ihm immer zuversichtliche Lebensgefährtin war, gibt André Gorz einen Abriss ihres gemeinsamen Lebens. Da ging es oft spartanisch zu, denn AG hatte selten feste Anstellungen. Dorine war gesellig, gab Englischunterricht, spielte in Theatern mit und war immer fröhlich. Sie lebten das, was er theoretisch vertrat: Selbstbestimmung und Unabhängigkeit.
Sein Leben war Schreiben! Und Dorine ließ ihn gewähren, ohne je seine Freiheit zu beschneiden.
Die 68ziger Bewegung gab ihm und Dorine neue Impulse und deckte sich mit den eigenen Lebensanschauungen.
Gorz’ Lebensrückblick ist für ihn selber auch eine Abrechnung mit seiner Ignoranz der frühen Jahre Dorine gegenüber.
Das gemeinsame Leben wird kritisch unter die Lupe genommen. Die Ehrlichkeit in den Aussagen von Gorz zeugen von seinem reflektierenden Verstand, einer inneren Kontinuität im Denken und seiner Hochachtung und tiefen Verehrung für die Frau, die durch alle Lebenslangen hindurch mit ihm das Leben geteilt hat Beide haben sich zusammen stetig weiterentwickelt. Zu ihrem Freundeskreis zählten berühmte Geistesgrößen wie Sartre, Simone de Beauvior und Ivan Illich, mit denen sie zusammen gearbeitet haben, um nur drei von ihnen zu nennen.
Die Lebenserinnerungen langer Jahre legen Zeugnis ab über die stete Auseinandersetzung mit sich selbst, mit der Gesellschaft und einer kritischen Innenschau, wie sie in dieser persönlichen Offenheit wohl selten ist.
Dorine war eine Frau von ungewöhnlicher Willensstärke, mit der sie die Schmerzen einer schweren Krankheit über Jahrzehnte zu bewältigen trachtete. Der gemeinsame Freitod in hohem Alter, der kurz nach Fertigstellung der deutschen Ausgabe von <Brief an D.> stattfand, beeindruckte und löste erhebliches Interesse bei der Leserschaft aus. Wer wagt es schon, eine Lebensgemeinschaft auf diese Weise zu beenden?