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Das Kainsmal PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Heiko Paulheim, am 01-11-2007 11:00
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Chuck Palahniuk - Das Kainsmal Verstörendes Mosaik

Man könnte schnell auf die Idee kommen, Chuck Palahniuk einen Verrückten zu nennen, wenn man seinen neuen Roman „Das Kainsmal“ zur Hand nimmt. Nicht so sehr seiner Ideen wegen, sondern wegen der Art, wie er daraus ein Roman macht: die Personen und Motive, die andere Autoren auf eine Handvoll Bücher verteilen würden, packt Palahniuk kurzerhand in eines.

Erzählt man Bekannten von „Das Kainsmal“, kommen die meist nicht umhin, sich einen völlig wirren, überfrachteten Roman vorzustellen. Und das ist durchaus nachvollziehbar: Das Buch ist gleichzeitig Gesellschaftssatire, Familienepos, Science Fiction und Heranwachsendenliteratur. Es vereint Verschwörungstheorien, Zeitreisen, Visionen von biologischem Terror, ein eigenwilliges System von Ausgangssperren in der Stadt, beschaulich-verlogenes Leben auf dem Land, ein Mediensystem, das Bücher und Filme hinter sich gelassen hat, und eine gefährliche jugendliche Subkultur in sich. Und es wird von ein paar Dutzend Erzählfiguren erzählt, die sich im Absatztakt abwechseln.

Wer sich davon nicht abschrecken lässt, der stellt nach einiger Eingewöhnung fest, dass „Das Kainsmal“ dennoch Hand und Fuß hat und weit davon entfernt ist, nur eine verspielte Demonstration des technisch möglichen, eine Gratwanderung um ihrer selbst willen zu sein. Die vielen verstreuten, aus unterschiedlichen Blickwinkeln gestreuten Motive wirken vielmehr wie ein Mosaik – kein Baustein hat für sich eine klare Bedeutung, aber zusammen ergeben alle ein klares Gesamtbild.

Die Hauptfigur des Romans ist Rant Casey, ein Jugendlicher aus dem Dorf Middleton, der sich gern von Skorpionen stechen und von Stinktieren beißen lässt und sich somit selbst willentlich mit der Tollwut und anderen Krankheiten infiziert. Auf mysteriösem Weg verschafft er sich einen schier unerschöpflichen Vorrat an alten Münzen, die jede für sich ein Vermögen wert sind. Irgendwann verlässt er die ländliche Idylle, um sein Glück in der großen Stadt zu suchen – im Gepäck nichts weiter als seine Münzen und einige geheimnisvolle Prophezeiungen seines Vaters. In der Stadt schließt er sich einer Bande Jugendlicher an, die einander nachts in Autos über die öffentlichen Straßen jagen, um Unfälle herbeizuführen.

Das Mosaikhafte an „Das Kainsmal“ gibt die Betrachtungsweise vor: Stück für Stück scheint der Autor seine Leser von dem großen Bild wegzuzerren, damit sie den Blick für das Gesamte entwickeln können. Dabei entfaltet sich mit jedem Kapitel eine Welt, die einerseits schaurig unwirklich, andererseits bedrohlich real wirkt: obgleich Palahniuks Visionen oft haarsträubend sind, weiß man tief im Innern, dass in all dem ein wahrer, nicht allzu abwegiger Kern steckt.

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Wo man das partout nicht glauben will, da holen die Erzähler Verschwörungstheorien hervor, die das erklären, was rational nicht zu fassen ist. Dabei parodiert der Autor meisterlich den Duktus dieser Gedankenkonstrukte, die insbesondere seit 9-11 das Internet überschwemmen. Hin und wieder stockt einem dabei auch der Atem – wenn zum Beispiel einer der Erzähler behauptet, der amerikanische Geheimdienst habe das AIDS-Virus in Afrika verbreitet, um durch gezielte Bevölkerungsreduzierung besseren Zugang zu den dortigen Bodenschätzen zu haben. In diesen Augenblicken weiß man nicht, was einen mehr ängstigt – die Idee als solche, dass man sie auf eine gewisse, sehr sarkastische Weise lustig findet, oder der Gedanke im Hinterkopf, dass man vielleicht, unter gewissen Umständen, doch geneigt wäre, das für bare Münze zu nehmen.

War der Roman „Die Kolonie“ mit seinen fast zwanzig Erzählfiguren und eingewobenen Kurzgeschichten schon ein stilistischer Grenzgang, so ist „Das Kainsmal“ die logische Weiterentwicklung: die Technik des Fragmentierens und Mosaikbildens hat Palahniuk diesmal auf die Spitze getrieben. Zwar kommt „Das Kainsmal“ nicht so schnell in Fahrt wie sein Vorgänger, der einem schon auf den ersten Seiten buchstäblich den Atem raubte – hat man aber erst einmal den Einstieg in das Buch gefunden, dann wird man es so schnell nicht wieder aus der Hand legen wollen. Das Buch ist wie ein donnerndes Crescendo, das sich aus dem Nichts aufbaut und so lange steigert, bis es zu einem schier unerträglichen Lärmcluster angeschwollen ist. Und am Ende erkennt man, dass der Roman mitnichten wirr und überfrachtet ist – und dass Chuck Palahniuk vielleicht tatsächlich ein Verrückter ist, aber auf jeden Fall einer der besten amerikanischen Gegenwartsautoren, der noch lange nicht am Ende seiner Möglichkeiten angelangt ist: „Das Kainsmal“ ist als erster Teil einer Trilogie gedacht, deren zweiter und dritter Teil 2011 und 2013 erscheinen sollen. Dazwischen will Palahniuk noch andere Bücher schreiben – das erste ist schon fertig und wird voraussichtlich nächstes Jahr erscheinen; es heißt „Snuff“ und handelt von Gang-Bang-Pornos. Um Chuck Palahniuk wird es also so schnell nicht still werden.

 

Bibliographische Angaben

Chuck Palahniuk
Das Kainsmal
Manhattan Verlag
352 Seiten, gebunden, 14,95 Euro
ISBN-10: 344254632X
ISBN-13: 978-3-442-54632-9

 



Letztes Update: 01-11-2007 11:06

Veröffentlicht in : Buch, Buch des Monats
Schlüsselworte : Chuck, Palahniuk, Fight, Club, Kainsmal, Rant, Crash, Tollwut, Terrorismus, Zeitreise, Gesellschaft, Kritik
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