Es gibt in der Pädagogik immer wieder mal Moden, die eine zeitlang gehyped werden, um dann wieder beinahe unbemerkt in der Versenkung zu verschwinden. Eine besonders schöne Methode stellt zur Zeit das so genannte "Story telling" dar und meint erst mal nichts anderes als dass Sachverhalte und Informationen besser vermittelt werden können, wenn man diese in eine (spannende) Geschichte verpackt und sie so quasi unter der Hand an den Mann bringt.
Dieser Methode hat sich auch der Physik-Professor James Kakalios verschrieben und jahrelang versucht, seinen Studenten Dinge wie Quantenmechanik, Zentripetalbeschleunigung oder gar die spezielle Relativitätstheorie zu erklären; und das nicht mit den herkömmlichen Formeln und Erklärungen, sondern anhand der Geschichten von Spiderman, Batman oder Hulk. Die Frage, die ihn antrieb war: Was passiert, wenn Superhelden die bunte Welt ihrer Comics verlassen und in unser trist-graues Leben eintreten müssten - was bliebe von ihren Eigenschaften in einer Welt übrig, die den strengen und scheinbar phantasieunterdrückenden Gesetzen der Physik unterliegt?
Anzeige Die Physik der Superhelden ist kein Lehrbuch im engeren Sinne. Seiner eigenen Aussage nach hat er es für all die geschrieben, die einen "relativ schmerzlosen Weg" suchen, sich mit den physikalischen Gesetzmäßigkeiten auseinanderzusetzen und in gewisser Weise vertraut zu machen: "Ich hoffe, dass Sie sich den Superhelden-Cocktail so sehr schmecken lassen, dass Sie gar nicht bemerken, wie Ihnen gleichzeitig auch noch Lebertran untergejubelt wird." Und das gelingt ihm zu großen Teilen auch. Zumal Kakalios zusätzlich auf mathematische Ungeheuer verzichtet und man ihm anmerkt, dass er Spaß hatte, sich mit den Superhelden-Welten auseinanderzusetzen. So glänzt dieses Buch an vielen Stellen vor seiner glühenden Begeisterung und seinem Humor. Ein kurzes Einführungskapitel in die Welt der Superhelden und die Entstehungsgeschichte der Superhelden ist dem Buch vorangestellt und bietet einen kurzweiligen Einblick und Einstieg. Allerdings benötigt dieses Buch durchaus die ein oder andere Grunderfahrung des Lesers mit der Welt der Physik - ansonsten dürfte das Buch sehr schnell zu Frustrationen führen. Die Fragen, die der Autor stellt, sind alle interessant und spannend. Beispielsweise: Wie schafft es Superman 200 Meter senkrecht in die Höhe zu springen? Allerdings folgen diesen Anfangsfragen ganz schnell spezielle Problemstellungen wie "Warum ist die Höhe von Supermans Sprung abhängig vom Quadrat seiner Anfangsgeschwindigkeit?" Ja, gute Frage, wird man da schnell sagen und schon beginnt die komplizierte Welt der Physik: "Weil die Sprunghöhe das Produkt aus seiner Geschwindigkeit und der Dauer seines Aufstiegs darstellt, wobei die Dauer seines Aufstiegs ihrerseits ebenfalls von der Anfangsgeschwindigkeit abhängt." Alles klar?
Kakalios gelingt es auf der einen Seite mit seinen Fragen und den Beispielen aus einer Vielzahl an Superhelden-Comics viele Menschen für Fragen der Physik zu interessieren - doch da es ich nicht darum geht, diese Sachverhalte nur oberflächlich zu erklären, mutiert das scheinbar so leicht und nachvollziehbar wirkende Buch auf der anderen Seite zu einem Lehrwerk, zumindest zu einer Einführung, die wissenschaftlichen Standards genügen möchte - und das sicherlich auch tut. Und man kann sich vorstellen, dass dieses Buch viele Physik-Studenten begeistern dürfte - doch ob der Otto-Normal-Physik-interessierte Laie durchhält und dieses Buch ebenso schnell verschlingen wird, wie die Comics das sei dahingestellt.
Um unser Beispiel vom springenden Superman zu Ende zu führen: Mit dem bekannten Wissen, dass F=ma ist, "und der Verwendung der Definitionen ‚Entfernung = Geschwindigkeit mal Zeit', sowie ‚Beschleunigung ist die Veränderung der Geschwindigkeit über einen bestimmten Zeitraum' in Verbindung mit der experimentellen Beobachtung, dass Superman ‚mit einem einzigen Sprung die größten Hochhäuser überwindet', haben wir herausgefunden, dass die Gravitation auf Krypton 15-mal stärker sein muss als auf der Erde!" Nun, wer sich für folgende Schlussfolgerungen begeistern kann, der möge in den nächsten physischen oder virtuellen Buchladen eilen und sich dieses beispiellose Lehrwerk der Physik anschaffen!
James Kakalios Die Physik der Superhelden. Aus dem Amerikanischen von Doris Gerstner und Christoph Hahn Rogner & Bernhard
Gebunden, 472 Seiten
Preis: 29,90 Euro
ISBN: 3-8077-1018-3