Mit dem sechsten Teil von Lovecrafts Bibliothek des Schreckens präsentiert LPL Records auf 4 CDs eine Reihe eher unbekannter Geschichten von H.P. Lovecraft. Mit Der Tempel findet sich auf dem Hörbuch auch eine sehr selten gedruckte Kurzgeschichte, die aber zu Recht meist übergangen wird. Mit dabei sind, wie gewohnt, David Nathan als Erzähler und Andy Matern, der die musikalische Untermalung zu den Geschichten beisteuert.
Die Musik des Erich Zann (The Music of Erich Zann, 1921): Geldmangel ist es, der den Erzähler dazu zwingt, sein Quartier in einem halbverlassenen Gebäude in der Rue d’Auseil aufzuschlagen. Einer der wenigen anderen Mieter ist ein alter Musiker, Erich Zann. Nacht für Nacht hört der Student seltsame Geigenklänge aus Zanns Wohnung im obersten Stockwerk kommen. Von der unheimlichen Musik des stummen Geigers angezogen gewinnt er sein Vertrauen… und entdeckt das Geheimnis der Musik des Erich Zann.
Von Lovecraft selbst als eine seiner besten Geschichten angesehen, zählt Die Musik des Erich Zann nicht ohne Grund zu den meistveröffentlichten Erzählungen von H.P.L. Die kurze Geschichte lebt genauso von der morbiden Atmosphäre des alten Hauses wie von der verschrobenen Natur des unnahbaren Geigers. Die Stimmung der Erzählung wird durch die musikalische Untermalung gekonnt verstärkt. Alles in allem ein echter Klassiker, gut umgesetzt und ein schöner Einstieg in das Hörbuch.
In der Gruft (In the Vault, 1925) erzählt die Geschichte George Birchs, Totengräber von Beruf. Birch schließt sich versehentlich in einer Gruft ein, als er gerade dabei ist, eine Reihe von Särgen umzubetten. Einzig das schmale Oberlicht der Gruft bleibt Birch als Fluchtmöglichkeit. Zu hoch um es ohne Hilfsmittel zu erreichen, stapelt der Totengräber die Särge aufeinander, um ins Freie zu gelangen. Doch in einem der Särge liegt ein Toter, der noch eine Rechnung mit Birch offen hat.
Eine kurze Horrorstory, die sehr an Edgar Allan Poe erinnert. Das Motiv der gerechten Strafe und der Rache aus dem Grab sind zwar nicht gerade neu, die Geschichte weiß jedoch mit einer schönen Schlusspointe zu gefallen. Eher untypisch für Lovecrafts Werk, bekommt man mit In der Gruft einmal eine andere Seite seines Werks zu hören.
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Eine weitere Geschichte aus der frühen Schaffensperiode Lovecrafts ist Das Bild im Haus (The Picture in the House, 1920). Sie erzählt von einem jungen Archäologen, der Unterschlupf in einem einsamen Haus findet. Dort trifft er auf den einzigen Bewohner, einem sehr alten Mann, der sich seinem jungen Überraschungsgast mit großem Interesse widmet. Zu großem Interesse…
Das Bild im Haus zählt nicht zu den besten Geschichten, die Lovecrafts Feder entsprungen sind. Zwar besitzt das Kannibalismus-Motiv der Geschichte durchaus Potential, letztlich fehlt ihr jedoch das gewisse Etwas. Sehr gewöhnungsbedürftig ist David Nathans Interpretation des Dialekts des alten Hausbewohners. Im Original spricht er laut Lovecraft einen uralten amerikanischen Dialekt, in der Hörbuchversion wird er allerdings zum berlinernden Kannibalen…
Aus dem gleichen Jahr stammt Der Tempel (The Temple, 1920). Nachdem ein Talisman aus Elfenbein an Bord gelangt ist, geschehen seltsame Dinge auf einem U-Boot der kaiserlichen Marine auf Feindfahrt. Sein früherer Besitzer, mit seinem Schiff Opfer des deutschen Kriegsschiffs geworden, tauchte in die Fluten des Atlantiks, schwören einige Matrosen. Der Umstand, dass er bereits tot war, lässt Kapitän Heinrich nachhaltig am Geisteszustand seiner Besatzung zweifeln, die in der Tat zunehmend den Verstand verliert.
Einen zwiespältigen Eindruck hinterlässt die Geschichte des deutschen U-Boots. Einerseits ist das tragende Element der Geschichte, der zunehmende Verfall der Ordnung, ausgelöst durch das Eindringen des Bösen in Form der Elfenbeinfigur, durchaus vielversprechend, andererseits leidet die Geschichte unter ihrer kruden Umsetzung. Insbesondere der rassistische Kapitän, der andauernd von der Überlegenheit des deutschen Verstandes spricht, stört gewaltig. Auch die fehlenden technischen Kenntnisse Lovecrafts (U-Boot taucht in der Tiefsee bis auf den Meeresboden, besitzt Bullaugen, etc.). tragen zur schlechten Verdaubarkeit der Geschichte bei.
Es folgt der Höhepunkt des Hörbuchs, Jäger der Finsternis (The Haunter of the Dark, 1935). Robert Harrison Blake, seines Zeichens Horrorautor, fühlt sich von einer verlassenen und halbverfallen Kirche angezogen. Fasziniert von dem alten Gebäude lernt er dessen Geschichte: Einst war es Mittelpunkt einer Sekte, die Nyarlathotep, ein Wesen aus einer anderen Dimension, anbetete. Bei einem seiner Besuche in der Ruine befreit Blake versehentlich den Dämon, der durch das Licht eines leuchtenden Trapezoeders gebannt wurde, und der es jetzt auf das Leben des Autoren abgesehen hat. Eine sternenlose Nacht, ein Stromausfall… und der Jäger der Finsternis ist endgültig frei.
Zusammen mit Blakes Leben endet eine der stimmungsvollsten und gelungensten Geschichten Lovecrafts. Die pseudodokumentarische Art der Kurzgeschichte - sie wird anhand von Blakes Tagebucheintragungen und Zeitungsartikeln erzählt - verleiht dem kosmischen Horror Nyarlathoteps, dem Jäger der Finsternis, Realismus. Auch der Spannungsbogen, eine typische Schwachstelle einiger Geschichten Lovecrafts, ist durchgehend. Ein echtes Highlight und ein guter Grund, das Hörbuch zu kaufen.
Träume im Hexenhaus (The Dreams in the Witch House, 1932) erzählt die Geschichte von Walter Gilman, Student der Mathematik, der, wie so viele Protagonisten Lovecraftscher Geschichten, durch Neugier und Interesse am Okkulten ins Verderben stürzt. Gilman, der sich in ein altes Hexenhaus einquartiert hat, wird von immer stärker werdenden Alpträumen gequält. Ungeschickterweise zieht er daraus keine Konsequenzen, ein Fehler der ihn nicht nur seinen Verstand kostet.
Im Gegensatz zu Jäger der Finsternis istTräume im Hexenhaus eine schwache Geschichte aus dem Spätwerk Lovecrafts. Von vielen Kritikern als schwächste seiner zahlreichen Erzählungen angesehen, ist vor allem die Logik der Handlungen des Protagonisten unbefriedigend. Entgegen jeglichem gesunden Menschenverstand verlässt er das verrufene Hexenhaus nicht, liefert sich seinem Schicksal selbst aus. Lovecraft lässt Gilman ohne Motivation und bar jeder inneren Logik auf sein Ende zusteuern, was letztlich eine sehr unbefriedigende Geschichte ergibt.
Fazit: Mit der gleichnamigen Geschichte bietet das Hörbuch Jäger der Finsternis eine der unheimlichsten Geschichten Lovecrafts - insgesamt ist der sechste Teil der Bibliothek des Schreckens jedoch der schwächste Teil der Serie.
Howard Phillips Lovecraft war ein Sonderling. Er kapselte sich gänzlich von seiner Umwelt ab und zog sich ganz in die Welt seiner Bücher zurück. Lovecraft war aber auch ein Legendenschöpfer und Visionär, der seine Träume, Ängste und Fantasien zu Papier brachte. In dieser Sammlung sind sechs Geschichten vom Altmeister des Horrors in neuer Übersetzung zu hören: Jäger der Finsternis (Der leuchtende Trapezoeder), In der Gruft, Träume im Hexenhaus, Die Musik des Erich Zann, Der Tempel und Das Bild im Haus.