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Die Mittagsfrau PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Heike Geilen, am 30-10-2007 14:00
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Julia Franck - Die MittagsfrauSo etwas wie mich dürfte es gar nicht geben…

... sagt die Protagonistin in Julia Francks Roman Die Mittagsfrau, die kein rettendes Ufer im Strom der Menschheit findet und im Innersten erkaltet. Ein bewegendes Schicksal einer Frau zwischen zwei großen Kriegen und eine würdige Buchpreisgewinnerin.

"Fräuleinwunder", "Abendfrau": die Medienwelt überschlägt sich derzeit mit neuen Wortschöpfungen für Julia Franck, die Gewinnerin des Deutschen Buchpreises 2007. Warum nicht einfach beim Romantitel bleiben? Julia Franck ist die Bezwingerin der Mittagsfrau.

Diese sorbische Legende durchzieht als Metapher das ganze Leben ihrer Protagonistin Helene, eine Frau, die sich einer ungeheuerlichen, eigentlich nicht nachvollziehbaren Tat schuldig gemacht hat: ohne Erklärung, ohne Kommentar, lässt sie ihren achtjährigen Sohn Peter 1945 allein auf einem Bahnsteig zurück und verschwindet. Sie sind auf der Flucht, weg aus Stettin, weg von Hunger, Elend, den verbrannten Toten im Hausflur, weg von den vergewaltigenden Horden der Russischen Armee, denen auch Helene nicht entkommen konnte.
"Ich bin gleich zurück, wart hier", sind die letzten Worte, die der kleine Junge von seiner ohnehin sehr stillen Mutter hört. Es ist eine Lüge. Helene wird nicht zurückkommen.

Bereits die ersten Seiten zwingen zum Luft anhalten. Julia Franck schreibt psychedelisch. Sie dringt in den Kopf des Lesers ein. Der Prolog ist ein Bericht des Schreckens, mit den unschuldigen Augen eines kleinen Jungen. Er schildert die letzten Kriegstage und die beginnende Nachkriegszeit in Stettin mit seiner in sich gekehrten, tief traumatisierten Mutter, die offensichtlich mit der Erziehung ihres Sohnes überfordert ist. Ihr Ehemann hat sie verlassen, Trost findet sie nur noch in ihrer Arbeit als Krankenschwester. Doch ist dies entschuldbar für ein derartig verachtenswertes Verhalten?

Sprache als Synonym für das Leben

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In diesem Moment schlüpft der Leser zum ersten Mal in die Rolle der Mittagsfrau.
Diese sorbische Legende besagt, dass den Menschen, die an den sommerlichen Erntetagen zur Mittagszeit arbeiten, die Mittagsfrau erscheint, sie um den Verstand bringt und ihnen mit einer Sichel den Kopf abschneidet. Nur wenn man ihr eine Stunde lang von der Verarbeitung des Flachses erzählt, verliert sie ihre Macht.
Nun erzählt Julia Franck keineswegs über die Herstellung von Flachs, dafür spinnt sie einen Erzählfaden über den Entwicklungsweg Helenes und verhindert damit, dass der Leser bereits nach den ersten 30 Seiten die Sichel an den Hals der "Rabenmutter" setzt.
Auf das Erzählen kommt es an: Da wo die Worte ausgehen, und das Schweigen beginnt, wirkt der Fluch. Sprache als Synonym für das Leben.
Und diese beherrscht Julia Franck beeindruckend. Nach und nach liefert sie dem Leser immer mehr Anhaltspunkte für diese schockierende Tat.

Mutterliebe erfährt Helene nie

Die hochbegabte Helene wächst mit ihrer neun Jahre älteren Schwester Martha in der Oberlausitz, in Bautzen auf. Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges meldet sich der Vater (ein angesehener Druckereibesitzer) freiwillig. Die jüdische Mutter lebt nach vier Totgeburten psychisch schwer gestört nur noch in ihrer eigenen dunklen Welt, aus der sie gelegentlich mit Wutausbrüchen auf ihre ungeliebte Jüngste aufwacht ("Mutter ist am Herzen erblindet").
Schwer verletzt kehrt der Vater aus der "Schlacht für das Vaterland" in die Lausitz zurück, wo er bald darauf verstirbt. In der aufkommenden Wirtschaftsflaute führt das dreizehnjährige Mädchen die Geschäfte der väterlichen Druckerei allein weiter, doch es wird immer schwieriger von den kargen Einkünften zu leben. Als sich die Möglichkeit ergibt, in die Hauptstadt, zu ihrer wohlhabenden, jüdischen Tante Fanny zu ziehen, ergreifen beide Mädchen ihre Chance.
Das Berlin der 20er Jahre ist der schillernde Kontrast zur verarmten Lausitz. Fanny führt ein ausschweifendes Bohème-Leben. Drogen gehören zum feinen Stil, die jedoch Martha immer mehr zum Verhängnis werden.
Mit dem äußerst belesenen Philosophiestudenten Carl offenbart sich der inzwischen neunzehnjährigen Helene die große Liebe ihres Lebens. Dieses Glück hält jedoch nur drei Jahre an, denn Carl verunglückt bei einem Verkehrsunfall tödlich, kurz vor der geplanten Verlobung ("Wie sollte ein Weiterleben möglich sein, ohne Denken und Sprechen und Umarmen?").

Die Sichel der Mittagsfrau beginnt sich über Helenes Haupt zu senken

Helene lebt weiter, aber innerlich taub. Sie beginnt sich immer weiter in eine Sprachlosigkeit zurückzuziehen. Die Ehe mit Wilhelm, einem Bauingenieur, der sie Alice nennt, vermag sie nur kurz aus ihrer Lethargie zu reißen. Gemeinsam ziehen sie nach Stettin. Doch nach der Heirat entpuppt sich der Nationalsozialist als Rohling, der sich ihrer schnell überdrüssig ist. Er schikaniert und erniedrigt seine Frau und lässt sie schließlich mit ihrem gemeinsamen Sohn Peter allein zurück.

Mit jedem Scheitern verstummt die junge Frau ein wenig mehr. ("Die meisten Tage vergingen, ohne dass Helene mehr als drei oder vier Sätze gesagt hatte.") Statt des erhofften Medizinstudiums steht für sie die körperlich wie seelisch harte Arbeit als Krankenschwester auf der Tagesordnung. Die Verantwortung für ihren Sohn wird zur Belastung. Für die Liebe fehlt die Kraft ("sie [hatte] nichts mehr für ihn, die Worte waren schon lange aus, sie hatte weder Brot noch eine Stunde, ihr blieb gar nichts für das Kind").
Julia Franck hat die Mittagsfrau besänftigt: Am Ende wird Helenes Tat, wenn auch nicht verständlich, so doch begreiflich.

Ein Buch voller wundervoller, subtiler Nuancen

Der Roman spannt einen großen Bogen über 30 Jahre deutsche Geschichte: von der wilhelminischen Zeit bis kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. In dieses denkwürdige historische Umfeld hat die Autorin eine berührende Familiengeschichte über drei Generationen gesetzt. In erster Linie istDie Mittagsfrau jedoch ein Entwicklungsroman.
Die Autorin zeichnet mit großer Einfühlsamkeit die Hoffnungen, das Glück und die Enttäuschungen Helenes nach, vom sensiblen, doch starken, klugen und liebesfähigen jungen Mädchen zur harten, hilflosen und desillusionierten Frau.
Franck hat ein großartiges Gespür für Sinnlichkeit, Abhängigkeit, Liebe, Macht und Demütigung und für die Situation. Sie passt ihren Erzählton dem jeweiligen Kontext an: eine Besitznahme des Augenblicks. Berichtet sie über die Kindheit in Bautzen noch in leichtem, unbeschwertem Ton, so wird die Zeit nach Carls Tod mit kurzen stakkatoartigen Sätzen geprägt ("Wir. Wer waren wir? Wir waren wer. Nur wer?").

All ihre divergenten Charaktere sind mit ausgeprägtem Feingefühl gezeichnet und wirken vollkommen stimmig. Hinzu kommt eine wunderbare, schnörkellose, poetische Sprache.
Helenes innere Leere wird stilistisch spürbar gemacht, ohne jedoch ihre Härten und Kanten zu entgraten. Auch eine Erklärung des Unerklärlichen gibt Julia Franck nicht. Diese emotionale Schwerstarbeit überlässt sie dem Leser. Jedoch eine ungemein lohnenswerte Aufgabe!

Julia Franck beherrscht die Klaviatur der Wörter und Sätze virtuos

Im Gegensatz zur vorjährigen Buchpreisgewinnerin Katarina Hacker wird sich dieses Buch auf Grund seines unprätentiösen Duktus, frei von gekünstelten Formulierungen, einem breiten Leserkreis erschließen. Franck schreibt authentisch. Vielleicht, weil ihre eigene Familiengeschichte Parallelen aufweist: Das Schicksal jenes kleinen Jungen ist das Schicksal von Julia Francks eigenem Vaters, der nach Ende des zweiten Weltkriegs tatsächlich von seiner Mutter auf der Flucht verlassen wurde.
Und Julia Franck ist ebenfalls mit 13 Jahren von zu Hause ausgezogen, hat gearbeitet, und ist, um sich Schulbücher kaufen zu können, zum Sozialamt gegangen. "Verlust- und Ohnmachterfahrungen können einen Menschen prägen (…) Erfahrungen mit Fremdheit. Ich habe mich in meinem Leben oft nicht integrierbar gefühlt. Ich bin weder Ostdeutsche noch Westdeutsche. Ich bin keine Jüdin im gläubigen Sinn, aber ich bin auch nicht Nicht-Jüdin."

Fazit:

Die Mittagsfrau ist eine fesselnde, manchmal geradezu schmerzhaft fesselnde Lektüre und auf jeden Fall ein würdiger Preisträgerroman.

Bibliographische Angaben

 

Julia Franck
Die Mittagsfrau
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main (September 2007)
430 Seiten, Gebunden, 19,90 Euro
ISBN 10: 3100226003
ISBN 13: 978-3-10-022600-6


Letztes Update: 16-11-2007 14:46

Veröffentlicht in : Buch, Belletristik
Schlüsselworte : Julia Franck, Die Mittagsfrau, 3100226003, Stettin, Bautzen, Berlin, Deutscher Buchpreis 2007, Weltkrieg, Schicksal, Lesetipp
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