"Unbequemes und mitunter zorniges Buch" schlägt literarische Schwergewichte beim Rennen um den Booker-Prize
Wieder einmal sind als Favoriten gehandelte Größen der englischsprachigen Literaturszene bei der Verleihung des diesjährigen Booker-Prize auf der Strecke geblieben. Nicht Ian McEwan mit "On Chesil Beach" oder Lloyd Jones mit "Mister Pip" konnten eine der renommiertesten Auszeichnungen der englischsprachigen Literatur mit nach Hause nehmen, sondern die Außenseiterin Anne Enright für ihre düstere Familiensaga "The Gathering".
Der Sieg der irischen Schriftstellerin überraschte viele, denn das Buch galt als Außenseiter in der Runde der verbliebenen sechs Romane. Das Werk schildert den Umgang einer Großfamilie mit dem Selbstmord eines der Geschwister in "harter, beeindruckender Sprache" so der Jury-Vorsitzende Howard Davies. Trotzdem sei das Buch aber sehr lesbar, betonte er ausdrücklich. Vielleicht um dem immer wieder laut werdenden Vorwurf zuvor zu kommen, die Jury favorisiere schwierige und unlesbare Werke.
Ein leichtes Werk für die abendliche Bettlektüre ist The Gathering aber trotzdem nicht. Gegenüber einem Radiosender äußerte die Autorin selbst jedenfalls die Vermutung: "Wenn Menschen ein Buch auswählen, dann wollen sie meist etwas Fröhliches, das sie aufheitert. In diesem Fall sollten sie nicht unbedingt zu meinem Buch greifen, denn es ist das intellektuelle Gegenstück zu einer Hollywood-Schnulze". Vielleicht mit ein Grund, warum sich der Roman seit der Veröffentlichung im Mai gerade 3253 mal verkaufte. Mit diesen Verkaufszahlen befand sie sich in der Runde der letzten sechs, abgesehen von Ian McEwan, allerdings in guter Gesellschaft. Verglichen mit dem Werk des Fotomodells Jordan, Crystal, hatten die Finalisten nämlich laut Daily Telegraph bis zum 23. September insgesamt rund 40.000 Exemplare weniger verkauft.
Ein ganz unbeschriebenes Blatt ist Enright trotzdem nicht. Nach ihrem Studium der Philosophie in Dublin und dem Besuch des berühmten Seminars für kreatives Schreiben an der University of East Anglia in Norwich arbeitete sie nicht nur als Produzentin und Regisseurin beim irischen Rundfunk RTE, sondern veröffentlichte auch Kurzgeschichten in Magazinen wie The New Yorker. Des Weiteren hat sie für ihre Werke bereits mehrere Auszeichnungen erhalten, darunter den Rooney-Preis für irische Literatur und den Encore-Preis der Königlichen Gesellschaft der Autoren.
Nach Iris Murdoch (1978) ist Anne Enright die zweite Irin, die den mit 72.000 Euro dotierten Booker-Prize für den besten Roman aus Großbritannien, Irland und dem Commonwealth entgegennehmen kann. Erst 2005 hatte mit John Banville ein weiterer Ire die Auszeichnung auf die Grüne Insel geholt. Ein Aspekt, der auch Eingang in Enrights Dankesrede fand, denn zur allgemeinen Verwirrung des Publikums in der Londoner Guildhall unternahm sie einen kleinen Ausflug ins Gälische. Sie benutze die gälische Standardformel, mit der irische Sportler einen Pokal abholen. Diese bedeutet soviel wie: Ich freue mich, diesen Preis im Namen des irischen Teams zu gewinnen.
In diesem Sinne, Comhghairdeas! (Congratulations!), Anne Enright.