Die Schifffahrt als Sinnbild des Lebens - verpackt in eine Abenteuergeschichte: Bei vielen dürften die Augen gelangweilt und angeödet rollen. Nicht so, wenn auf den Buchdeckeln als Autor Joseph Conrad angegeben ist. Es ist wirklich erstaunlich, wie wenig Staub dieser Klassiker der Abenteuer- und Seefahrtsliteratur angesetzt hat, zumal bei Fischer nun ein Erzählband vorliegt, in dem die drei Geschichten bzw. Kurzromane Jugend,Herz der Finsternis und Das Ende vom Lied, von Manfred Allié neu übersetzt, vorliegen.
Es sind nicht nur die wichtigsten und prägnantesten Erzählungen des polnisch-englischen Schriftstellers, sondern auch diejenigen, die einen guten Einblick in das Conrad'sche Erzähl- und Symbolspektrum bieten. Klar, das Segeln, die Seefahrt als Sinnbild des Lebens, des Aufbruchs und der Eroberung neuer und unbekannter Orte, das wirkt inzwischen so abgeschmackt und abgegrast wie sonst was - aber Conrad wusste diesen Elementen immer noch eine düstere, mystische Dimension mitzugeben, die tief in die Seelen der Protagonisten - und schlimmstenfalls auch in die eigene - blicken lässt. Allein sein Timing, beispielsweise in Jugend die Ratten auftauchen und als zweideutiges Omen auftreten zu lassen, zeugt von großer Meisterschaft. Die Stringenz und atmosphärische Dichte von Herz der Finsternis ist heute noch überwältigend - und wer die Filme David Lynchs kennt und schätzt, wird in Conrad einen wichtigen Wegbereiter finden.
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Wie Lynch lässt auch Conrad Vieles unausgesprochen und zelebriert gerade die Leestellen, die den Leser immer und immer wieder im Unklaren lassen und damit ambivalente Deutungen zulassen. Seine Erzählung Herz der Finsternis zeigt dies ganz deutlich: Kapitän Marlow, den wir auch schon von Jugend als Protagonisten und Erzähler kennen, bricht in den Kongo auf, um den außer Kontrolle geratenen Geheimagenten und Elfenbeinhändler Kurtz zurückzuholen. Seine Reise mutiert ganz allmählich und äußerst subtil zu einer Reise ins Zentrum des Bösen, in dem alle zivilisatorischen Errungenschaften pervertiert scheinen und auch das Selbstkonzept des Erzählers gehörig ins Wanken gerät. An dieser Erzählung machen sich auch die Vorteile der Neuübersetzung Manfred Alliés bemerkbar, der die zahlreichen Stolpersteine bisheriger Übersetzungen gekonnt glättet.
Ein Themenkomplex, der neben der Seefahrt bei Conrad immer wieder motivisch auftaucht, ist die Sehnsucht, die Melancholie, das Bewusstwerden des eigenen und des zivilisatorischen Scheiterns. Das Paradebeispiel hierfür liefert Conrad in seinem Roman Das Ende vom Lied, einem Lebensrückblick eines gealterten Seefahrers, der noch einmal wortgewaltig sein Leben und seinen Kampf, seine Auseinandersetzungen mit den Kräften der Natur Revue passieren lässt.
1857 wurde Joseph Conrad in Berdyczow geboren, seinen ersten literarischen Text legte er mit dem Roman Almayers Wahn 1895 vor, in dessen Folge ihm ein Klassiker nach dem anderen aus den Fingern glitt. Nun ist es ja mit Klassikern häufig so, dass man sie immer mal wieder gerne anschaut, sie aber selten noch einmal liest. Ein großer Fehler im Falle Conrads! Denn seine Erzählweise ist immer noch sehr modern, seine Bilder schrecken heute noch und geben seinen Lesern zahlreiche Rätsel auf, an denen man gut und gerne einige Jahre zu knabbern hat.
Joseph Conrad
Jugend, Herz der Finsternis, Das Ende vom Lied
Aus dem Englischen übersetzt von Manfred Allié S. Fischer Verlag
Oktober 2007
384 Seiten, gebunden, EUR 19,90
ISBN: 3100113357