Da steht ein Pferd aufm... Tisch (und noch dazu mit den Füßen in der Schlagsahne)
23 verrückte und lustige, dann wieder liebevoll-verträumte Phantasiegeschichten des Kinderbuchautors Heinrich Hannover werden durch Gerd Wameling wunderbar kindgerecht vorgetragen und sorgen für eine auditive Gefangennahme.
Eigentlich wollte er Förster werden. Das war kurz nach dem Krieg, den Heinrich Hannover (1925 in Anklam geboren) mit einer Kugel in der Wirbelsäule überlebte und danach Rechtsanwalt wurde.
Nun räumt man im Allgemeinen den Kollegen im juristischen Sektor nicht unbedingt eine Gabe zu Schalk und Schabernack ein. Doch weit gefehlt. Hannover wurde in den 60/70er Jahren mit seinen charmant-witzigen Kindergeschichten, die er für seine eigenen sechs Kinder erfand, bekannt und bei Groß und Klein beliebt. Sie gehören mittlerweile zu den Klassikern in diesem Genre, jedoch keineswegs zum "alten Eisen".
Da gehen die zwei Schuhe Pimps und Pomps einfach eines Tages ohne ihren Besitzer in den Wald, da schlafen Lies und Len nach dem Toben auf dem Bett in der Badewanne ein und sorgen damit für große Aufregung im Ort. Äußerst liebevoll sind die Geschichten von Urgroßmutters Spieldose, deren wunderschöne Musik sogar die Sterne vom Himmel holt und sie am Bett der Mädchen tanzen lässt oder dem Mond, der im warmen Stockbett schläft und nach einem tragischen Unfall von Almut und Bettina medizinisch versorgt wird, "und wenn Sie ganz genau hinsehen, erkennen Sie auch noch seine Risse und die Pflaster, die Almut darüber geklebt hat."
"Gibt's ja gar nicht", werden da sicherlich die Schlaumeier unter den Kleinen gleich nach den ersten Sätzen krähen, aber es sind dann diese Kinder, die im nächsten Moment gebannt zuhören, wenn die Mücke Pieks allerlei Unfug in einer Rechtsanwaltskanzlei anstellt, weil sie so einen Durst hat oder sich einen Mantel beim Schneider nähen lässt, weil es ihr im Winter zu kalt ist.
Und wenn der Sturm einmal am Fenster rüttelt und durch den Kamin pfeift, dann brauchen die Kinder auch keine Angst mehr zu haben, denn es ist nur der Wind, der vielleicht wieder einmal einen verloren gegangenen Luftballon zurückbringen möchte.
Die Geschichte "Bei Räubers" gefällt den kleinen Rabauken bestimmt am besten, denn so wie sich Räuberkinder benehmen, das möchte bestimmt jedes Kind einmal: nicht waschen, kämmen oder Zähne putzen und beim Essen so richtiges Tohuwabohu anrichten. Schule, die gibt's natürlich auch nicht.
Anzeige Noch viele andere wundervolle Geschichten erzählt Gerd Wameling: sei es vom armen Zeitungsverkäufer, dem Herrn Nein, dem tollpatschigen Osterhasen, der Frau Quatscheviel oder der hinterlistigen Schere. Er moduliert seine Stimme großartig und weis dadurch wunderbar den kindlichen Ton zu treffen. Die Geschichten sind extra so aufgebaut, dass sie insbesondere kleinere Kinder ansprechen und zum Nachmachen animieren. Sie haben eine klar strukturierte Sprache, die leicht verständlich und nachvollziehbar ist.
Durch die vielen verrückten Charaktere und die lustigen Aktionen, die alle Agierenden durchführen, wird die Phantasie der Kinder angeregt. Es werden ihnen Dinge vor Augen geführt, die im wahren Leben eigentlich nicht möglich sind, aber sicherlich Spaß machen würden. Heinrich Hannover verpasst Tieren menschliche Charaktere oder lässt Gegenstände sprechen. Immer wieder werden die Figuren in andere Szenen hineingesetzt und bekommen so andere Bedeutungen, die das Leben leichter machen. Seine Phantasiegeschichten entführen in beruhigende Traumwelten, vermitteln "Informationen" darüber, wie es in der geheimnisvollen Welt der Großen zugeht.
Somit wird trotz aller Erfindungsgabe immer wieder ein Bezug zum wahren Leben hergestellt: denn auch hier existieren Traum, Phantasie und Wirklichkeit oft nebeneinander.
Das Pferd Huppdiwupp und andere Geschichtenwird im Handel sicher nicht im Regal der Kategorie "pädagogisch wertvoll" (welchen tieferen Sinn man auch immer mit dieser Bezeichnung vermitteln möchte) zu finden sein. Aber gerade die häufigen Besuche der Protagonisten bei alten Handwerksberufen wie dem Schneider, Schuster, Metzger, Bäcker oder dem Kaufmann offenbaren den Kindern in der heutigen Zeit der Kommerzialisierung wunderbar die eigentlichen Herkunftsorte vieler Produkte, die eben nicht aus dem Fernseher oder dem großen Kaufhaus kommen. Hier wird der Mantel noch beim Schneider genäht, da wird Maß genommen und der Stoff ausgesucht.
Auf Grund ihrer sparsamen Beschreibung, aber trotzdem ausreichenden Handlung, sind Heinrich Hannovers Geschichten großartig zum Nacherzählen und neue Geschichten erfinden geeignet, für Eltern genauso wie für Kinder.
Fazit:
Faszinierende Geschichten aus dem Stand zu erfinden schaffen meist nur erfahrene Erzähler. Doch mit Heinrich Hannovers Klassikern kann man sich wunderbar inspirieren lassen oder aber einfach nur zuhören.
Das Pferd Huppdiwupp und andere Geschichten schaffen eine Beziehung zwischen dem Vortragenden und dem Kind: ein Stück erlebte "Wirklichkeit".
Dieses auditive Erlebnis für die gesamte Familie ist geeignet für Kinder ab 3 Jahren.
Heinrich Hannover Das Pferd Huppdiwupp und andere Geschichten,Sprecher: Gerd Wameling Argon Verlag, Berlin, 2007
1 CD, ca. 80 Minuten, 9,95 Euro
ISBN 10: 386610362X
ISBN 13: 978-3866103627