Man kann sich die Entstehungsgeschichte von „Der Kameramörder“ etwa so vorstellen: ein Schreibgruppenleiter stellt seinen Zöglingen die Aufgabe, einen Kriminalroman zu schreiben, der an nur einem Wochenende und nur einem Schauplatz spielt, sozusagen ein Kriminalroman nach der aristotelischen Einheitenlehre. Ein paar Teilnehmer schaffen leidlich gute Ergebnisse – und einen lässt die Idee nicht mehr los, nach der Gruppensitzung klebt er zuhause tagelang am Notebook, schreibt das Buch „Der Kameramörder“ wie im Rausch herunter und gewinnt damit später den Glauser-Krimipreis.
Diese Entstehungsgeschichte ist natürlich erfunden - bis auf den Glauser-Krimipreis. Zumindest etwas Rauschhaftes aber wohnt dem Roman inne, der Erzählton ist gehetzt und getrieben und erinnert in seiner Atemlosigkeit stellenweise an Thomas Bernhard. „Ich wurde gebeten, alles aufzuschreiben“ – mit diesem Satz beginnt die Erzählfigur, die schon nach wenigen Seiten eine geheimnisvolle, nicht unbedingt sympathische Aura um sich herum aufgebaut hat, die Schilderung der Ereignisse.
In der Steiermark ist der Erzähler zusammen mit seiner Lebensgefährtin am Osterwochenende bei einem befreundeten Ehepaar zu Besuch. Im Videotext erfahren sie von einer grausigen Begebenheit, die sich ganz in der Nähe zugetragen haben soll: ein Mann habe drei Kinder entführt und zwei von ihnen vor laufender Kamera unter Drohungen zum Selbstmord gezwungen, das dritte habe sich befreien können. Die Nachricht erreicht schnell die Massenmedien und überschattet das Wiedersehen der beiden Paare.
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Die mediale Aufmerksamkeit kulminiert schließlich in der Ankündigung eines deutschen Privatsenders, man habe das Videoband des Täters zugespielt bekommen und plane die Ausstrahlung, zu der es dann, trotz Protesten aus der Bevölkerung, auch kommt – samt der Beteuerung, es handele sich nicht um Sensationslust, sondern um einen Versuch der Aufarbeitung, und natürlich auch mit Werbepausen, denn trotz all dieser Beteuerungen muss ja auch Geld verdient werden. Eindrücke der unfassbaren Tat sickern so am späten Abend ins Wohnzimmer zu den Schaulustigen, die sich dazu vorab mit Kartoffelchips, Eiscreme und Limonade versorgt haben.
Ab dem nächsten Morgen berichten die Medien von einer heißen Spur. Hundertschaften durchkämmen die Gegend rund um den Wohnsitz des steirischen Ehepaars, im Fernsehen können sie die Fahndung aus der Perspektive der Fernsehhubschrauber beobachten. Die Schlinge zieht sich zu, und am Ende bewahrheitet sich eine Gewissheit, die den Leser längst beschlichen hat – und lässt einen dennoch seltsam beunruhigt zurück.
„Der Kameramörder“ beeindruckt zunächst durch seine glasklare, unterkühlte und stechende Sprache. Der Erzähler tritt scheinbar hinter die Geschichte zurück und liefert einen vordergründig möglichst neutralen Blick auf das Geschehen im Haus, in dem sich die Fernsehbilder spiegeln. Oft weiß man kaum, was einem mehr Unbehagen bereiten soll – die Tat des Mörders oder die Vorstellung der beiden Paare, die sie, Kartoffelchips kauend, getrieben von Neugier, Sensationslust und Abscheu, im Privatfernsehen verfolgen. Gleichzeitig treibt der Autor geschickt die Neugier des Lesers an, um ihn dann mit den letzten Sätzen, die keine Auflösung im engeren Sinne darstellen, in den Abgrund zu stoßen.
Thomas Glavinic beweist bereits mit diesem reduzierten und konzentrierten Kammerspiel, was er einige Jahre später mit seinem Meisterwerk „Die Arbeit der Nacht“ eindrucksvoll auf die Spitze getrieben hat: anspruchsvolle Literatur, die voller Denkanstöße und Tiefe steckt, darf durchaus spannend und fesselnd sein. „Der Kameramörder“ ist ein außergewöhnlicher und großartiger Kriminalroman – legt man „Die Arbeit der Nacht“ daneben, wirkt er dennoch eher wie eine schriftstellerische Aufwärmübung: man ist beeindruckt und ahnt gleichzeitig, wie viel Potential Glavinic noch in der Hinterhand hat.