Ungewöhnliche Dankesrede unterstreicht Plädoyer für das historisch relevante Individuum – Saul Friedländer erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels
Am vergangenen Sonntag wurde der israelische Historiker Saul Friedländer im Rahmen der Festveranstaltung in der Frankfurter Paulskirche mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2007 geehrt. Seit 1950 wird dieser mit 25.000 Euro dotierte Preis jährlich vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels an Persönlichkeiten aus Literatur, Wissenschaft und Kunst vergeben, die zur Verwirklichung des Friedensgedankens beigetragen haben. Der Historiker erhielt die Auszeichnung für seine wissenschaftliche Arbeit über die Vernichtung der europäischen Juden zu Zeiten des Nationalsozialismus. Durch die Verleihung des Friedenspreises an Saul Friedländer wird die Aufmerksamkeit auf ein wissenschaftliches Werk gelenkt, das sich vor allem eine Frage gestellt hat: Wie war es möglich?
In der Begründung des Stiftungsrats heißt es, Friedländer beschreibe „nicht nur die Entstehung, die Vorbereitung und den Vollzug des Massenmordes von Nachbarn an ihren Nachbarn, sondern dokumentarisch genau, stilsicher und mitleidend die klassische Triade der Gewalt: die Täter und ihre Obsessionen, die Opfer und ihre Verzweiflung, die schweigende Menge der Zuschauer mit ihrer Lust und ihrem Schrecken – und wenige, zu wenige Retter“. Weiter erklärt der Stiftungsrat seine Entscheidung für Saul Friedländer mit dem Argument, dass der Historiker den zu Asche verbrannten Menschen Klage und Schrei gestattet und ihnen Gedächtnis und Namen geschenkt habe. Er habe den Ermordeten damit die ihnen geraubte Würde zurückgegeben, deren Anerkennung die Grundlage des Friedens unter den Menschen sei.
Der in Prag geborene Historiker überlebte den Holocaust unter dem Namen Paul-Henri Ferland in einem katholischen Internat in Frankreich. Nach dem Krieg wanderte er nach Israel aus und schlug eine akademische Laufbahn als Politikwissenschaftler ein. Heute lebt Friedländer vorrangig in Los Angeles. Erst in diesem Jahr sind in Deutschland einige seiner Werke neu erschienen beziehungsweise neu aufgelegt worden, darunter Das Dritte Reich und die Juden, Den Holocaust beschreiben. Auf dem Weg zu einer integralen Geschichte und Nachdenken über den Holocaust.
Anzeige Saul Friedländer hielt eine sehr persönliche und ungewöhnliche Dankesrede. Zunächst bemerkte er zur Verleihung des Preises: „Ich bin mir darüber im Klaren, dass mir der Preis zu einem erheblichen Teil wegen der Thematik meiner Arbeit zuerkannt worden ist und darum nehme ich in großer Demut eine Ehrung an, deren Bedeutung weit über jede individuelle Leistung hinausreicht“. Der Historiker zitierte in der Frankfurter Paulskirche aus bisher unveröffentlichten Briefen seiner Eltern und Verwandten, die im Dritten Reich ums Leben kamen. „Verlassen Sie nicht den Kleinen. Gott möge Ihnen alles vergelten und Sie und Ihre Familie segnen“, so die letzten Zeilen seiner Eltern, die diese aus dem Zug warfen, welcher sie in ein französisches KZ brachte. Sie waren an eine Französin gerichtet, die Friedländer das Leben rettete, indem sie ihn unter falschem Namen in einem katholischen Internat unterbrachte.
Diese Art seine Dankesrede zu gestalten, passt zum Werk des israelischen Historikers, der in seinen Arbeiten stets die Perspektive der Opfer in den Mittelpunkt stellte. Grund dafür war nicht nur die Tatsache, dass er dieses Vorgehen als Überlebender im Sinne einer „inneren Pflichterfüllung gegenüber den Verstorbenen“ empfand, sondern auch der Punkt, dass Geschichte für ihn, so Friedländer, keine Abstraktion sei. Denn wie er in seiner Arbeit zu zeigen versuche, seien „Einblicke in die Vergangenheit einzelner Menschen auch von allgemeiner Bedeutung für die Darstellung von Geschichte“. Seiner Meinung nach können scheinbare Details und Einzelschicksale die Not und das Elend der verfolgten Juden viel nachvollziehbarer machen, als dies durch Statistiken je erreicht werden kann.
Saul Friedländer setzte sich in seiner Dankesrede indirekt von der Martin Walsers ab, der 1998 in seiner Rede angeprangert hatte, das ritualisierte Erinnern an Auschwitz werde als Moralkeule missbraucht. Der Historiker ging darauf nur insofern ein, als er bemerkte: „Wenn wir diesen Schreien lauschen, dann haben wir es nicht mit einem ritualisierten Gedenken zu tun, und wir werden auch nicht durch kommerzielle Darstellungen des Geschehens manipuliert“.
Der Präsident der Alexander-von-Humboldt-Stiftung, Wolfgang Frühwald, hob in seiner Laudatio die Tatsache hervor, dass Friedländer sich stets vor Emotionalisierung gehütet habe. Er lasse die historischen Dokumente „ungeschminkt“ sprechen. Gleichzeitig verfüge der israelische Historiker jedoch über das seltene Talent, Geschichte nicht nur zu dokumentieren, sondern auch zu erzählen. Ein Talent, dass Saul Friedländer nutzt, um zum „erinnernden Wissen“ beizutragen, dass laut Gottfried Honnefelder, dem Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, im Gegensatz zum Vergessen und Verdrängen der einzig mögliche Weg zum Frieden ist.