Eine Matriarchin erzählt die Geschichte ihrer Familie guter Katholiken, die eigentlich konvertierte Juden sind. Es ist die Geschichte von Aufstieg und Verfall und erneutem Aufstieg. Es ist auch die Geschichte bürgerlicher Katastrophen und menschlicher Tragödien in einer schlimmen Zeit, in der man doch den Humor nicht verlieren muss.
Drei Frauen machen die Geschichte dieser Familie aus – Elisabeth, Renate und Irene, Großmutter, Tochter und Enkelin. Diese Wortwahl ist richtig, denn es ist Elisabeth, die Matriarchin, deren bissig-selbstgerechte Kommentare und Sichtweisen den Ton dieser Familienchronik vorgeben. Alles beginnt mit ihrer unstandesgemäßen Heirat, die sie die Zuneigung ihrer arisch-vornehmen Familie kostet. Als die Nazis schließlich die Macht übernehmen, ermöglicht sie ihrem Mann die Flucht nach Amerika, während sie mit ihrer kleinen Tochter Renate und ihrer Haushälterin Liesel zurückbleibt.
Als sie ihrem Mann Carl später nach Amerika folgt, ist ihre gnadenlose Tatkraft erneut gefragt. Ihr ist es zu verdanken, dass die Familie erneut zu Wohlstand gelangt und die Praxis ihres Mannes bald floriert. Aus der guten Deutschen wird jetzt eine gute Amerikanerin. Leider heiratet Renate bald einen unmöglichen jüdischen Wissenschaftler, der nur Dische genannt wird. Kein Wunder, dass die Enkel Carlchen und Irene schwer an diesen Erbanlagen zu knabbern haben.
Anzeige Großmama packt aus ist die ebenso liebevolle wie respektlose Chronik einer bürgerlichen Familie mit all ihren großen und kleinen Katastrophen. Obwohl Autorin Irene Dische darin ihrer eigenen Familiengeschichte ein brüchiges Denkmal setzt, wählt sie doch nicht sich selber sondern ihre warmherzig-selbstgerechte Großmutter Elisabeth als Sprecherin und Erzählerin, und macht sich auf diese Weise zur Beobachteten statt zur Beobachterin, zur Kritisierten, statt zur Kritikerin.
Und Kritik gibt es reichlich in Großmama packt aus. Immer wieder werden die Moralvorstellungen und die Bigotterie der bürgerlichen Gesellschaft dargestellt und entlarvt, wobei vor allem die unterschiedliche Sichtweise von Leser und Erzählerin Kritik und Humor gleichermaßen hervorruft. Elisabeth ist erst begeisterte Deutsche, dann überzeugte Amerikanerin, aber immer vornehme Dame, die aber dennoch die Rebellion ihrer Tochter und Enkelin heimlich auch beneidet.
Neben einer persönlichen Familiengeschichte ist Großmama packt aus gleichzeitig ein Stück Zeitgeschichte, das bei allem Humor nicht versucht, die Schrecken einfach auszublenden. Urteile werden dabei kaum gefällt, außer natürlich durch Elisabeth, doch ihre Sichtweise ist bestenfalls fragwürdig. Dennoch weiß der Leser genug über die Zeit, um die Tragik immer hinter der Komik durchschimmern zu sehen. So entwickelt sich ein vielschichtiges Bild voller Schicksalsschläge und Humor, das letzten Endes immer zutiefst menschlich erscheint.
Fazit: Familienchronik zwischen persönlicher Tragödie und absurder Komik