Gott hat Konjunktur! In diesem Bücherherbst gibt es wieder eine Fülle an Büchern über Religionen, die sich aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln mit Gott bzw. den Religionen beschäftigen. Neben Richard Dawkins Abrechnung mit dem Höchsten - Der Gotteswahn -, die man zu Teilen auch schon im Stern nachlesen konnte, hat sich auch sein Kollege und Freund Christopher Hitchens daran gemacht, das Wesen der Religionen zu erforschen und in seinem Buch "Der Herr ist kein Hirte" zu entlarven.
Wie der Titel schon erahnen lässt, geht es ihm darum, das Heilsversprechen, das die meisten Religionen ihren Gläubigen geben, zu beleuchten und mit sehr ausholenden und erhellenden Griffen in die Vergangenheit und anhand zahlreicher Beispiele aus der Gegenwart zu illustrieren. „Würden Sie die Straßenseite wechseln, wenn sie wissen, dass Sie auf eine Gruppe treffen, die gerade aus einem Gottesdienst oder einer sonstigen religiösen Versammlung kommt?" Ein eindeutiges „Ja“ ist die Antwort des Autors. Nie seien Menschen gefährlicher, unberechenbarer und weniger kopfgesteuert als wenn sie religiös stimuliert wurden. Die Kreuzzüge, ethnische Säuberungen, der Kosovo-Krieg und natürlich die Anschläge auf das World-Trade-Center müssen - wie immer in solchen Fällen - herhalten.
Eine gute Welt, so formulierte es Bertrand Russel 1927 in seinem Vortrag „Warum ich kein Christ bin“ brauche keine Fesselung der freien Intelligenz durch Worte, „die vor langer Zeit von unwissenden Männern gesprochen wurden.“ Gut 80 Jahre später sieht Hitchens in der Fesselung der Intelligenz immer noch das große Übel der Religionen - und so kommt er zu dem Urteil, dass auf allen Erdteilen, die Religionen immer noch das Fürchten lehren und auf Gehorsam ausgerichtet, der Quell von Intoleranz, Sexismus, Gewalt und körperlichem Missbrauch sind – und somit einem friedlichen Zusammenleben der Menschen im Wege stehen: Der religiöse Glaube„stellt die Ursprünge des Menschen und des Universums völlig falsch dar, er verbindet infolge dieses Irrtums ein Höchstmaß an Unterwürfigkeit mit einem Höchstmaß an Solipsismus, er ist Folge und Ursache einer gefährlichen sexuellen Repression, und er fußt letzten Endes auf Wunschdenken."
Anzeige Mit dieser Grundthese im Rücken präsentiert Hitchens wahrlich ein ganz niederschmetterndes Bild der Religionen, findet plastische Beispiele - und man ist geneigt, das Formular für seinen Kirchenaustritt zu unterschreiben, wenn da nicht doch der ein oder andere Zweifel an der Argumentationstaktik Hitchens aufkeimen würde. Natürlich ist sie sehr stringent, eloquent und logisch aufgebaut. Kein Wunder, gehört Hitchens doch zu DEN Intellektuellen Amerikas - doch wir haben es bei dem vorliegenden Buch mit einer Streitschrift, einer Polemik zu tun - und dazu steht Hitchens auch. Wie jeder guter Polemiker geht es ihm damit nicht um einen gegenseitigen Austausch von Argumenten mit dem Ziel, einen Konsens zu erreichen, sondern einzig und allein darum, die eigenen Argumente darzustellen und diese als allgemeingültig bestehen zu lassen. Und wie so oft, gehört den Geschundenen, denen, die keine Stimme haben, in diesem Falle also den Religionen, das Mitleid, so dass man während des Lesen unbewusst, vielleicht auch ungewollt zum Anwalt seiner Religion wird, um das ein oder andere ins rechte oder andere Licht zu rücken. Es gibt einen schönen Spruch: „Wer die Musik nicht hört, hält die Tanzenden für verrückt.“ Der muss auch hier gelten. Jemand, der nicht gläubig ist, versteht die Dinge, die Gläubige tun, nicht, findet es eher peinlich und kommt schnell zu dem Schluss, die müssen doch verrückt sein!
Natürlich haben Religionen die Tendenz, Menschen zu bemuttern, ihren Einfluss auszuweiten - die ganz normalen Machtstrategien eben, die bei religiösen Führern genauso greifen wie bei politischen. So ist auch diese Streitschrift ein Abgesang auf die religiösen Meinungsmacher und -führer, die seit Jahrtausenden einen ganz eigenartigen Wettbewerb um die alleinseligmachende Wahrheit austragen.
Eine amüsante und intelligente Abrechnung mit der Religion, die im besten Falle zum Nachdenken, Widersprechen oder Kopfnicken einlädt.
Christopher Hitchens Der Herr ist kein Hirte Wie Religion die Welt vergiftet
Aus dem Amerikanischen von Anne Emmert
(OT: God is not Great - How Religion poisons everything)
Karl Blessing Verlag
Oktober 2007
350 Seiten EUR 17,90
ISBN: 3896673556