Mit einem Sack Nüsse will ich begraben sein,
und mit neusten Zähnen.
Wenn es dann kracht, wo ich liege,
kann vermutet werden:
er ist das,
immer noch er.
(Günter Grass)
Der Schriftsteller und bildende Künstler Günter Grass wurde am 16. Oktober 1927 in Danzig als Sohn einer Kaufmannsfamilie geboren. Er besuchte von 1933 bis 1944 die Volksschule und das Gymnasium in Danzig. Im Zweiten Weltkrieg war er ab 1944 Luftwaffenhelfer und im Herbst desselben Jahres wird Grass Mitglied der SS-Panzerdivision "Frundsberg". Nach Kriegsende geriet er bis 1946 in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Nach einer Lehre zum Steinmetz studierte Grass Bildhauerei und Grafik ab 1948 an der Düsseldorfer Kunstakademie. Das Studium setzte er von 1953 bis 1956 an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin fort. Bereits 1947 wurde Grass von Hans Werner Richter zu einem Treffen der "Gruppe 47" eingeladen, einer losen Vereinigung deutscher Schriftsteller. Richter wurde für Grass zum literarischen Mentor und väterlichen Freund. Nach seinem Studium begann Grass, neben ersten Ausstellungen von Graphiken und Plastiken, schriftstellerisch tätig zu werden. Bis 1958 entstanden so vor allem Kurzprosa, Gedichte und Theaterstücke.
Die Blechtrommel – Grass’ Durchbruch
Im Jahre 1959 veröffentlichte Grass seinen Roman Die Blechtrommel, der zu einer der größten Erfolge der Nachkriegsliteratur wurde und für den er 1999 den Literaturnobelpreis erhielt. Bereits im Jahr 1958 verlieh ihm die "Gruppe 47" ihren Literaturpreis für sein Manuskript zu Die Blechtrommel. In nur zwanzig Jahren erreichte der Roman eine Gesamtauflage von drei Millionen Exemplaren und wurde in zwanzig Sprachen übersetzt. Günter Grass wurde dadurch mit einem Schlag weltberühmt und auch der Literatur der Bundesrepublik verhalf dieser Roman an Beachtung, die sie bis dahin kaum erfahren hatte. In Die Blechtrommel konfrontiert Grass historisch reale Ereignisse mit einer surreal-grotesken Bildersprache. Erzählt wird der Roman aus der Perspektive des Außenseiters Oskar, dem Insassen einer Heil- und Pflegeanstalt. Der Erzähler beschreibt nicht die Entwicklung Oskars, sondern dessen Beobachtungen, Erlebnisse und Erfahrungen in einzelnen Episoden, notiert an einem exemplarischen Ort: Danzig ist der Schauplatz der Handlung, das Kleinbürgertum sein Gegenstand und der kleinwüchsige Oskar sein Protagonist.
Die Komplementierung der Danziger Trilogie – Katz und Maus und Hundejahre
Mit der nachfolgenden Novelle Katz und Maus (1961) und dem Roman Hundejahre (1963) hat Grass zwei weitere Male Danzig zum Schauplatz seines Erzählens gemacht und komplementierte damit seine so genante Danziger Trilogie. Für Grass, den gebürtigen Danziger, gilt diese Stadt als Mikrokosmos, weil sich „gerade in der Provinz all das spiegelt und bricht, was weltweit – mit den verschiedenen Einfärbungen natürlich – sich auch ereignen könnte oder ereignet hat.“ So bot sich für ihn durch das Schreiben die Möglichkeit, verlorene Dinge wie seine Heimatstadt Danzig mit literarischen Mittel wieder auferstehen zu lassen.
In Katz und Maus berichtet der Erzähler Pilenz im Rückblick von seinem Schulkameraden, dem bewunderten und gleichzeitig verachteten Außenseiter Joachim Mahlke im Danzig der Kriegszeit. Mahlke versucht durch sportliche Leistungen seinen Außenseiterstatus, den er nicht zuletzt durch seinen übergroßen Adamsapfel innehat, zu kompensieren. Der Halbwaise stiehlt in seinem verzweifelten Kampf um seine Integration und Anerkennung, das Ritterkreuz eines Kriegshelden, der seine Schule besucht. Später erwirbt er selbst als junger Soldat diese Auszeichnung. Nachdem ihm der erwünschte Schulvortrag in seiner Eigenschaft als Ritterkreuzträger verwehrt wird, entschließt er sich zur Desertion, der Fahnenflucht. In den Wirren des Kriegsendes bleibt Mahlke nach einem Tauchgang verschollen.
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Der Roman Hundejahre, der mit burlesken Zügen ausgestattet ist, wird aus wechselnden Perspektiven entlang der historischen Situation seit dem Ende des Ersten Weltkrieges, der Zeit der NS-Herrschaft und der Nachkriegszeit bis zum beginnenden Wirtschaftswunder, erzählt. Die drei Erzähler, Eddi Amsel, der Halbjude und das Opfer, Harry Liebenau, der Zeuge, und Walter Matern, der Täter und SA-Mitglied, schreiben gleichzeitig ihre Bücher zur Jahreswende 1960/61. Die drei Erzähler werden so zu Chronisten der Vorkriegs-, Kriegs- und Nachkriegszeit der Hundejahre unseres Jahrhunderts. Leitmotiv dieses Romans wird der Hund Pluto, der Hitler geschenkt wird und bei Kriegsende, wie Matern, seinem Führer untreu wird.
Aufarbeitung von Gegenwartsproblemen und politisches Engagement
Auf die Danziger Trilogie folgte die Aufarbeitung von Gegenwartsproblemen in Örtlich betäubt (1969). Dieser Roman spielt den Zusammenhang von politischem Denken und Handeln am Beispiel der Schüler- und Studentenrevolte des Jahres 1967 durch. Reflektiert wird diese Revolutionseuphorie am historischen Gegenbeispiel individueller Erfahrungen im Dritten Reich und an dem durchgängig sich entfaltenden Motiv „Zahnbehandlung“ relativiert.
Das Problem Fortschritt als Evolution ist auch das Thema eines weiteren Romans, in dem Grass Erfahrungen aus den 60er Jahren aufgearbeitet hat: der 1972 erschienene autobiographische Bericht Aus dem Tagebuch einer Schnecke. Hier schildert Wahlkämpfer Grass, der für die SPD-Wählerinitiative durch das Land gereist und bereits nach Berlin zurückgekehrt ist, seinen Kindern seine Erlebnisse und Erkenntnisse während dieser Tätigkeit. Er stellt dabei fest, dass der gesellschaftliche Fortschritt mit dem Tempo einer Schnecke vergleichbar und nur mit Geduld und Ausdauer zu erreichen sei.
Nach dem Erscheinen von Aus dem Tagebuch einer Schnecke zog sich Grass vorerst aus dem politischen Leben zurück. Jedoch engagierte er sich Mitte der 80er Jahre wieder politisch. Er beteiligt sich unter anderem an der SPD-Wahlkampagne für die Landtagswahlen 1987 in Schleswig-Holstein oder spricht sich 1992 im Zusammenhang mit der deutschen Wiedervereinigung gegen eine „Ruck-Zuck-Einheit über den bloßen Anschlussartikel 23 des Grundgesetzes“ aus. 1993 erfolgt sein Austritt aus der SPD aus Protest gegen die Asylrechtsänderung, für die er aber bereits 1998 wieder Wahlkampfveranstaltungen startet.
In Grass’ Werken findet sich ein Zusammenspiel der öffentlich politischen Reflexion und der literarischen Verarbeitung politisch-gesellschaftlicher Erfahrung. Dabei verkörpert er einen bestimmten Typus des Schriftstellers: den des demokratisch engagierten Intellektuellen, für den Literatur und Politik, gesellschaftliche Erfahrung und ästhetische Verarbeitung untrennbar zusammengehören. Damit zählt Grass zu dem Schriftstellertypus, zu denen auch unter anderem Heinrich Mann, Heinrich Böll und Martin Walser zu zählen sind.
Auch in Günter Grass’ Roman Der Butt (1977) haben autobiographische Elemente und Gegenwartsfragen Eingang gefunden, wie die Frauenbewegung, Beziehungsprobleme und die Reisen des Autors nach Danzig. Erzählt aus der begrenzten Ich-Perspektive, sind in diesem Roman die Gegenwartsfragen in ein weit ausgreifendes und märchenhaftes episches Gemälde integriert, das die Geschichte der Menschen von den Anfängen bis zur Gegenwart entfaltete. Den Erzählanlass bildet die Widersprüchlichkeit historischer Prozesse, allegorisiert in der Fisch-Gestalt.
Grass wird von 1983 bis 1986 Präsident der Akademie der Künste in Berlin, von der er im Jahre 2005 die Ehrendoktorwürde erhält.
Der Roman Ein weites Feld (1995) stellt eine literarische Verarbeitung der Wende dar. Er spielt in Berlin zwischen Mauerbau und Wiedervereinigung und zeichnet ein Panorama deutscher Geschichte von der Revolution 1848 bis zur Gegenwart. Fonti, der Protagonist des Romans, ist angelehnt an Theodor Fontane und schlägt somit den Bogen vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Die öffentlichen Debatten über Ein weites Feld führten dazu, dass bereits nach acht Wochen die fünfte Auflage in Druck ging.
Eine Expedition zu den Anfängen unternimmt Günter Grass in Mein Jahrhundert (1999), indem er am Ende des 20. Jahrhunderts auf hundert Jahre Geschichte zurückblickt. Dieser Roman stellt eine Expedition dar, die chronologische Jahreszahlen in Geschichten festhält. Erzählt wird aus der Sicht von Menschen aus allen Bereichen der deutschen Gesellschaft - von der Fließbandarbeiterin bis zum gefragten Professor der Biologie.
Grass’ neuere Werke – Im Krebsgang und Beim Häuten der Zwiebel
Auch über Grass’ 2002 veröffentlichte Novelle Im Krebsgang wurde in den Feuilletons diverser Zeitschriften wochenlang diskutiert. Dabei wurde Grass unterstellt, dass er durch die Darstellung der Flüchtlinge beim Untergang der "Wilhelm Gustloff" die deutsche Schuld an der NS-Herrschaft abmildern wolle.
Der Roman setzt sich mit der transgenerationellen Übertragung des Traumas des Untergangs der "Gustloff" und dem dadurch ausgelösten gegenseitigen Kommunikationsmanko innerhalb dreier Generationen auseinander. Es geht um Formen und Funktionen von Erinnerung, speziell um Verdrängung und deren gesellschaftliche Folgen. Die Novelle beschreibt den Umgang der drei Generationen der Familie Pokriefke mit ihrer eigenen Geschichte.
In seinem Buch Beim Häuten der Zwiebel (2006), das autobiographische Züge der Jugend von Grass trägt, machte er erstmals öffentlich, Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein. Mit diesem Geständnis löste er in der Medienlandschaft Grundsatzdebatten aus. Entsetzte Politiker forderten vom "Nationalautor" sogar die Rückgabe seiner Ehrenbürgerschaft der Stadt Danzig, die er 1993 erhielt, und seines Literaturnobelpreises. Der Roman handelt vom Ende von Grass’ Kindheit beim Ausbruch des Zweiten Weltkrieges und endet in dem Jahr, in dem Die Blechtrommel erscheint. Dabei schlägt der zuweilen komische und gleichzeitig traurige Roman immer wieder Brücken in die Gegenwart.
Die Arbeiten Grass’ an seinem Roman Beim Häuten der Zwiebel wurden in dem Film Der Unbequeme. Der Dichter Günter Grass dokumentiert.
Der Nobelpreisträger feiert heute seinen 80. Geburtstag und es bleibt zu hoffen, dass weitere Werke dieses einzigartigen Schriftstellers folgen werden. Es lohnt, sich mit Grass’ Romanen und Erzählungen auseinanderzusetzen und einige der bedeutendsten Werke der Nachkriegsliteratur kennen zu lernen.
Der Steidl Verlag hat zu Ehren von Grass’ 80. Geburtstages eine 12-bändige "Göttinger Ausgabe" sämtlicher Werke von Günter Grass bis hin zu Beim Häuten der Zwiebel sowie den jüngsten Gedichten und Reden herausgebracht.
Mittlerweile gibt es seit 2003 sogar eine Günter-Grass-Gesellschaft in Danzig. Diese Initiativgruppe, die aus Künstlern, Wissenschaftlern, Journalisten, Vertretern der Wirtschaft und der Stadtverwaltung besteht, organisiert Veranstaltungen, die durch die Werke des Nobelpreisträgers inspiriert sind, lädt zu Stadtführungen auf den Spuren der Figuren aus den Grass-Werken ein und kümmert sich um das Geburtshaus des Schriftstellers.