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Doris Lessing erhält den Literaturnobelpreis PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Humm, Yvonne, am 12-10-2007 14:51
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Von "Ich bekomme ihn nie" zum "Royal Flush" - eine überraschte und überraschende Nobelpreisträgerin

Gestern sorgte die Auszeichnung der britischen Schriftstellerin Doris Lessing mit dem Literaturnobelpreis 2007 für einige Aufregung auf der Frankfurter Buchmesse und in der literarischen Fachwelt. Auch die 87-jährige Autorin selbst war von der Entscheidung überrascht.

Bereits vor 30 Jahren ist Doris Lessing für den mit 1,1 Millionen Euro dotierten Literaturnobelpreis im Gespräch gewesen. Immer wieder wurde die Autorin übergangen, so dass niemand mehr, auch sie selbst nicht, so recht daran glaubte, ihr würde die Auszeichnung je verliehen werden. Doris Lessing selbst meinte dazu: "Das ging jetzt 30 Jahre so. Ich habe alle Preise in Europa gewonnen, jeden verdammten Preis." Sie zeigte sich sehr "begeistert" und verglich die Auszeichnung mit einem "Royal Flush", dem höchstmöglichen Blatt beim Poker. Wenig später äußerte sie sich in einem TV-Interview mit dem Sender BBC allerdings bereits in ironischer Distanz zu ihrem Literaturnobelpreis: "Ich weiß nicht, warum ihr Herz erweicht ist. Meine Arbeit hat sich nicht verändert." Aber vielleicht hätte die Schwedische Akademie sich verändert, meinte sie.

Das goldene Notizbuch - ihr Hauptwerk


Bekannt wurde die Schriftstellerin, die von manchen Kritikern neben Virginia Woolf für die wichtigste Schriftstellerin des 20. Jahrhunderts gehalten wird, mit Romanen über starke Frauen, wie  Das goldene Notizbuch (1961/62). Das Buch, ein hochkomplexer Klassiker der Moderne, gilt unter Literaturwissenschaftlern als ihr Hauptwerk. Es wird auch als ein Schlüsselwerk des Feminismus gesehen. Ein Umstand, der Lessing selbst verwundert, wie sie in einem im Januar  2007 gegebenen Interview mit Welt Online erklärte: "Daß es überhaupt zu einer Bibel der feministischen Bewegung wurde, hat mich überrascht, denn ich kann nicht erkennen, was neu daran war. Frauen reden über Männer – das habe ich doch nicht erfunden".

Entscheidung und Reaktionen


Der Chef der Schwedischen Akademie, Horace Engdahl, sagte zu der überraschenden Vergabe: "Dies ist eine der wohldurchdachtesten Entscheidungen, die wir jemals getroffen haben". Die Jury begründete ihren Entschluss mit der Tatsache, dass Doris Lessing "die Epikerin weiblicher Erfahrung, die sich mit Skepsis, Leidenschaft und visionärer Kraft eine zersplitterte Zivilisation zur Prüfung vorgenommen hat", sei. Eine Aussage, welche die Autorin selbst mit "Oh Gott, haben sie das über mich gesagt?" quittierte.

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Von der literarischen Fachwelt wurde die Entscheidung der Schwedischen Akademie für Doris Lessing unterschiedlich aufgenommen. Während der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki sich enttäuscht zeigte, da die angelsächsische Welt seiner Meinung nach mehrere bedeutendere Schriftsteller habe, von denen er erwartet hätte, dass sie den Preis bekämen, zeigten sich andere erfreut über den Entschluss der Akademie. Elke Heidenreich meinte beispielsweise, die britische Schriftstellerin habe sich sowohl vom Kommunismus als auch vom Feminismus losgesagt, in ihrem Leben viele große Wechsel und Wandel durchgemacht und immer provoziert. Es sei gut, dass sie dafür mit einem so großartigen Preis belohnt werde. Andere Stimmen wie die Literaturwissenschaftlerin Sigrid Löffler und der Literaturkritiker Denis Scheck haben die Verleihung mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Scheck erklärte, es sei eine gute Entscheidung, aber eine, die 20 Jahre zu spät komme. Und auch Löffler betonte, die Auszeichnung käme zu spät.

Schwerpunktthemen und Werk


Doris Lessing, die erst die elfte Frau ist, welche diese hohe Auszeichnung erhält, steht für ein facettenreiches Gesamtwerk, das auch die Berührung mit unterhaltenden Genres wie Fantastik (Anweisung für einen Abstieg zur Hölle) und Science Fiction (Shikasta) nicht scheut. Afrika war stets ein großes Thema in ihren Werken. Des Weiteren umfasst ihr literarisches Schaffen drei weitere Schwerpunkte: das kommunistische Thema, das psychologische Thema und das Sufismus-Thema. Heute hält Lessing, die selbst jahrelang Mitglied der britischen kommunistischen  Partei war, Distanz zu allen politischen Gruppen. Weitere bekannte Werke von Doris Lessing sind beispielsweise Afrikanische Tragödie, Der Sommer vor der Dunkelheit oder Das fünfte Kind. Ihr neuestes Buch Die Kluft wird gerade auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt.

Man kann über die Entscheidung der Schwedischen Akademie vielleicht geteilter Meinung sein, aber auf die Stellungnahme von Gottfried Honnefelder, dem Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels kann man sich sicher einigen. Er meinte nämlich, nachdem er sich über die Auszeichnung für Doris Lessing begeistert gezeigt hatte: "Ein solcher Preis hat ja nicht nur einen Entdeckungssinn, sondern auch einen Wiederentdeckungssinn".



Letztes Update: 12-10-2007 16:27

Veröffentlicht in : Magazin, Buchnews
Schlüsselworte : lessing, nobelpreis
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