Am Vortag des Abrisses einer alten Schule entdeckt die Lehrerin Tina Bros hinter der Tafel eine alte Kiste mit Aufschrieben von Oriol Fontelles, dem Dorflehrer der 40er Jahre, der am 18. Oktober 1944 in Torena, einem kleinen Ort in den Pyränen, umgebracht wurde. Noch ahnt sie nicht, welche Entdeckung sie hier gemacht hat...
Die Geschichte des Oriol Fontelles beginnt harmlos. Gemeinsam mit seiner schwangeren Frau zieht er aus der Stadt in dieses kleine Dorf, um dort ihr Glück zu genießen. Doch es kommt anders. Bürgermeister Valentí Targa, überzeugter und skrupelloser Falangist und noch aus einem ganz anderen Grund im Dorf, nimmt Oriol umgehend in Beschlag. Schnell wird der Lehrer als Handlanger des größtenteils unbeliebten Bürgermeisters abgestempelt. Doch damit nicht genug. Nach einem Mord am Sohn eines der größten Feinde Targas wird Oriol des Verrats beschuldigt. Die Ehe gerät in die Krise und endet in der Flucht der schwangeren Frau.
Anzeige Oriol erkennt seinen Fehler spät – zu spät für das Familienglück. Nein, er ist kein Falangist, er war nur feige. Doch er gerät noch tiefer in den Konflikt. Der Lehrer malt die reichste Person des Dorfes, Elisenda Vilabrú, eine ungemein mächtige Person im ganzen Land. Beide verlieben sich ineinander und beginnen eine heimliche Beziehung – ganz zur Missgunst Targas, der dieser Frau ebenfalls verfallen ist. Hinzu kommt, dass die rebellischen Gegner der Faschisten ihn involvieren, nachdem sie merken, wie Oriol zu Targa wirklich steht. Fortan führt er ein Doppelleben zwischen bewusst gespieltem Faschisten und insgeheimen Gegenspieler, der Flüchtlinge im Dachgeschoss unterbringt und heimlich wichtige Informationen weiterleitet. Ein gefährliches Doppelspiel, dessen Ende Oriol von vornherein erwartet und kennt.
All dies beweist er nicht nur sich selbst, sondern vor allem seiner Tochter, von deren Existenz er nur in einem kurzen letzten Brief seiner Frau erfährt. Deshalb schreibt er ihr Briefe, in der Hoffnung, sie würde diese eines Tages erhalten, ihn verstehen und auch seine Frau würde ihm daraufhin vergeben. Als Finder der Briefe versucht Tina nun die Geschichte aufzudecken – Fontelles galt auch nach seinem Tod als Held der Faschisten und soll dank des Einsatzes von Senyora Vilabrú, der durch ihr Geld alles zu gelingen scheint, sogar von Seiten der Kirche selig gesprochen werden –, die Briefe der Tochter zukommen zu lassen und Oriol letztlich die ihm zustehende Ehre erweisen, indem die Wahrheit zutage kommt. Doch Tina hat selbst große Probleme: ihre Familie bricht auseinander und in ihrer Brust wächst etwas äußerst Bedrohliches.
Grandios, wie es Jaume Cabré gelingt, die Geschichte mit eigentlich klarem Ausgang bis zuletzt spannend und dramatisch zu gestalten. Durch häufige szenische Wechsel lässt er vor allem gerne während der Dialoge die beiden Zeitebenen geradezu verschmelzen. Schweigen, Schuld, Scham, ein Netz an Lügen, die sich immer wieder an dem direkten Vergleich zwischen Gedachtem und Gesagtem, den uns Cabré bietet, erkennen lassen, die geringe Schwelle zwischen Liebe und Hass sowie nicht nur politisch motivierter, sondern auch auf Eigennutz basierender Verrat zeichnen diese Geschichte aus. Dramatische Ereignisse, die historisch jedoch durch die Reichen und Mächtigen scheinbar nach Belieben korrigiert werden und die Vergangenheit weiterleben lassen.
Fazit : Ein Roman über ein Dorf in den Pyrenäen, das wie beiMaria BarbalsWie ein Stein im Geröll durch die Gründe und Folgen des Bürgerkrieges noch Jahre nach diesem geprägt wird. Spannend, dramatisch, ein Protest gegen die Zeit, deren Ungerechtigkeit die Literatur in ganz Spanien bis heute beschäftigt.Die Stimmen des Flusses ist ein sehr gelungenes und empfehlenswertes Werk.
Jaume Cabré Die Stimmen des Flusses Aus dem Katalanischen von Kirsten Brandt Insel Verlag, August 2007 666 Seiten, gebunden, 22,80 Euro ISBN: 3458173633