Heitere Wissenschaft Das „Lexikon des Unwissens“ beweist: Sicher ist nur, das nichts sicher ist
Es ist wieder mal Herbst. Die Blätter leuchten farbenfroh und keiner weiß genau warum. Erklärungen dafür gibt es viele, aber keine vermag bis heute hundertprozentig zu überzeugen. Viele Annahmen widersprechen sich, stehen nebeneinander, werden von anderen verdrängt oder lösen sich am Ende im puren Unwissen auf. Auch Kathrin Passig und Aleks Scholz wissen das Geheimnis des schillernden "Herbstlaubs" nicht zu lüften. Aber sie wissen sich in ihrem "Lexikon des Unwissens" dem Phänomen über jahrezehnte- mitunter sogar jahrhundertealte Erklärungen zu nähern. Und sie wissen ihre Leser über die Relativität und Absurdität wissenschaftlicher Erkenntnisse aufzuklären.
Über viele Dinge, die Passig und Scholz in ihrem Buch verhandeln, machen sich die meisten Menschen gar keine Gedanken mehr. Entweder liegen sie ihnen wie das "Riechen" oder die "Erkältung" zu nah oder wie die "Riemann-Hypothese" oder "Kugelsternhaufen" einfach zu fern. Das eine ist ihnen zu selbstverständlich, das andere zu schwer verständlich geworden. Wenn wir im "Lexikon des Unwissens" nachschlagen, merken wir schnell, dass Alltägliches differenzierter und Außergewöhnliches einfacher erklärt werden kann, als wir bislang dachten. Vor allem so, dass wir verstehen, warum uns niemand erklären kann, wie sich "Geld" in Wirklichkeit definiert und wieso die "Laffer-Kurve" keine Erklärung dafür liefert, das höhere Steuersätze für den Staat nicht automatisch Steuermehreinnahmen bedeuten.
Anzeige Aber so funktioniert Wissenschaft halt: Ihre Erkenntnisse und Ergebnisse sind relativ und niemals sicher. Genau darin liegt ihr Reiz. Das Un- oder Nichtwissen ist der Motor der Wissenschaft. Insofern war ein "Lexikon des Unwissens" schon längst überfällig. Beleuchtet es doch die Wissenschaft, dort wo sie am dunkelsten und am gewagtesten ist. Im Zustand der Hypothese, des Experimentierens und Scheiterns, quasi im Laborzustand.
Insofern präsentieren die beiden in der Tat "Wissenswertes über Unwissen", wie es im Vorwort heißt. Was nichts anderes bedeutet, als das sie die Methoden und Grenzen der Wissenschaft aus einer unkonventionellen Perspektive beleuchtet. Hier werden nicht wie andernorts die „Irrtümer der Wissenschaft“ widerlegt und durch eine plausiblere oder neuere Hypothese ersetzt. Hier wird ebenso gewitzt wie gelehrt darüber räsoniert, ob die Kurzsichtigkeit in unseren Genen ruht oder durch zu dunkle, vielleicht aber auch zu helle Lebens- und Arbeitsräume hervorgerufen wird.
Nichts Genaues weiß man nicht, das ist nach der locker zu konsumierenden Lektüre ziemlich sicher. Aber das ist schon mehr als viele von uns bisher wussten. Die Betreiber der Zentralen Intelligenz Agentur in Berlin haben eine ebenso amüsante wie anregende Aufklärungsarbeit geleistet. Ein Projekt, dem sich hoffentlich noch viele weitere Lexikaschreiber anschließen werden. Denn das Universum des Unwissens ist weitaus größer als die Welt des Wissens.
Kathrin Passig und Aleks Scholz Lexikon des Unwissens. Worauf es bisher keine Anwort gibt. Rowohlt, 2007
256 Seiten, gebunden, 16,90 Euro
ISBN-10: 3871345695
ISBN-13: 978-3871345692