Noel ist Synästhetiker, er hört Farben, Sinneindrücke verknüpfen sich für ihn zu einem Ganzen, das er nicht vergessen kann. Gleichzeitig vergisst seine alzheimerkranke Mutter Stella jeden Tag ein Stückchen von sich selbst. Auf seiner verzweifelten Suche nach einem Heilmittel macht Noel eine Bekanntschaft, die sein ganzes Leben verändern soll.
Norval ist ein moderner Dandy, der ganz im Sinne Oscar Wildes sein Leben zu einem Gesamtkunstwerk machen will. Er hat es sich zum Ziel gemacht, die Damenwelt nach dem Alphabet zu lieben. Nun ist er bei S angelangt, und er weiß ganz genau, wen er seinem neuen Kunstwerk weihen will. Doch die ausersehene Samira zögert noch. Außerdem hat Norval einen Rivalen und zwar ausgerechnet in seinem einzigen Freund, dem schüchternen Noel.
Die beiden jungen Männer, die sich äußerlich so ähnlich sehen und innerlich doch so verschieden sind, haben sich in Dr. Vortas Büro kennen gelernt, im Institut für experimentelle Psychologie. Während alle anderen dort ihr Gedächtnis zu verbessern versuchen, will Noel hier das Vergessen lernen, denn er ist mit dem Fluch eines Gedächtnisses geschlagen, das kaum etwas vergisst. Norval interessiert sich für den jungen Mann und seine alzheimerkranke Mutter, ohne jedoch vorzuhaben, dieser Freundschaft weitere Opfer zu bringen.
Anzeige Dass Die Gedächtniskünstler 2005 mit dem Canadian Autor’s Associtation Award ausgezeichnet wurde, ist keine Überraschung, denn es gibt nicht viele Romane, die ihrer Leserschaft etwas wirklich Neues bieten können. Und genau das gelingt Jeffrey Moore mit dieser waghalsigen Mischung aus experimenteller Gebrochenheit und klassischer Handlung. Die Erzählung umfasst gleichermaßen die Sicht des allwissenden Erzählers und die immer verwirrter werdenden Tagebucheinträge der kranken Stella, die Verfall und Rettung eindrücklich widerspiegeln.
Ungewöhnlich sind auch die handelnden Figuren, ihre Einzelcharaktere ebenso wie ihre schicksalhafte Verstrickung untereinander. Das gilt zuallererst für den Protagonisten Noel, dessen verwirrte Sinneseindrücke vielen Lesern von vorneherein fremd, wenn nicht sogar befremdlich vorkommen werden. Immerhin handelt es sich um ein Phänomen, das nicht einmal die Wissenschaft bisher ganz erfasst hat. Dieser modern anmutenden Figur ist der hundert Jahre zu spät geborene Dandy Norval an die Seite gestellt, der im Spannungsfeld zwischen Herzlosigkeit und Erotik gezeigt wird.
Vervollständigt wird das Viereck um Liebe und Vergessen durch die Frauen Samira und Stella, die der Geschichte in ihrer universellen Rolle der Geliebten und der Mutter noch tiefere Komplexität verleihen. Der Leser wird eingeladen in eine überraschende, fremde Welt irgendwo zwischen Wissenschaft und Wunschvorstellung einzutauchen, bis sich im Finale schließlich die Grenzen von beidem vollständig auflösen zu scheinen. Jeffrey Moores Einblick in die Gedankenwelt von Synästhetikern beschreitet Neuland und seine Schritte sind virtuos.
Fazit: Ein verwirrender, komplexer Bilderrausch, ein echter Geheimtipp!