Erreicht man nach dem Abschluss der Highschool das College, so erhofft man sich Freiheit und fröhliche Geselligkeit im Kreise Gleichaltriger!
Leider trifft das für Hannah aus Philadelphia nicht zu! Ihre Eltern haben sich scheiden lassen, nachdem es zu unerträglichen Szenen zwischen Mutter, Töchtern und dem cholerisch-sadistischen Vater gekommen ist. Nachdem der Vater die Familie eines Nachts kurz entschlossen aus dem Haus hinaus geworfen hat, bleiben die drei Frauen ihrem eigenen Schicksal überlassen.
Hannah ist scheu, wenig umgänglich und von Selbstzweifeln geplagt, als sie im College in Tufts ankommt. Als sich nach Monaten Jenny für sie zu interessieren beginnt, glaubt sie an ein Wunder: hat sie jetzt wirklich eine Freundin gefunden? An den geselligen Abenden und Unternehmungen nimmt Hannah nur selten teil. Sie fühlt sich eher einsam und ausgeschlossen.
Sie ist eine nachdenkliche junge Frau, die alle Eindrücke über ihre Mitmenschen hinterfragt. Doch dann begegnet ihr Henry: ihn sieht sie als eine Art Traummann an und verliebt sich in ihn. Leider ist er mit ihrer Cousine Fig verbunden, weshalb die scheue Hannah ihn nur heimlich anbetet, ohne ihre Gefühle zu offenbaren. Es hat den Anschein, als wäre Hannah das hässliche Entlein, das immer den Kürzeren zieht und das Nachsehen hat, wenn es um die Liebe geht. Ihr Selbsturteil spielt uns eine Unnahbarkeit und Unansehnlichkeit vor, die so nicht der Realität entspricht.
Anzeige Curtis Sittenfeld führt uns mit ihren psychologisch feinfühligen und zutreffenden Beobachtungen in die Innenwelt einer heranwachsenden jungen Frau ein, die intelligent, klar, ernst und offen ist. Sie will nichts verbergen. Ihre Ehrlichkeit erschwert ihr den Umgang mit den Mitstudenten, bis sie selbst einer Illusion verfällt: der absoluten und unverbrüchlichen Liebe zu Henry! Wie verwirrend der Weg zum eigenen Ich ist, das muß Hannah jeden Tag neu erfahren. Dr. Lewis, eine Psychoanalytikerin, hilft ihr dabei.
Curtis Sittenfeld ist eine unbestechliche Beobachterin der Gefühle junger Menschen. Wie sie heranwachsen, und was sie durchmachen, um den Eintritt in das Erwachsenenleben zu meistern, das schildert Sittenfeld mit Empathie und Anteilnahme. Die Zeit kann neben aller Unbeschwertheit auch belastend für junge Menschen werden. Die Autorin beschreibt mit feinen und klugen Anmerkungen, wie es auf dem Campus zugeht.
Hannah steht für viele junge Frauen, die zwischen Illusionen und dem spielerischen Flirt, zwischen Leichtsinn und Irrtümern nach einem eigenen Weg forschen. Die vielen Nebenfiguren runden das Bild einer Jugend ab, die im heutigen Amerika zwischen z.T. zerbrochenen Familien und der mutigen Suche nach den richtigen Lebensperspektiven heranwachsen.
Die Autorin schreibt spannend, nachdrücklich und bei aller Unterhaltsamkeit hintergründig. Für ihren Debütroman Eine Klasse für sich wurde Curtis Sittenfeld mit Lob überschüttet. Dieser zweite Roman steht dem ersten in nichts nach.