Dass Verrisse zu schreiben manchmal viel mehr Spaß macht als ein Werk in den Himmel zu loben, ist auch dem Verfasser dieser Zeilen hinlänglich bekannt. Und warum sollte es den Kollegen von der Musik da anders gehen als uns Bücherwürmern? Jim DeRogatis und Carmél Carrillo haben fast 30 Bekannte aus dem Musikjournalismus zusammengetrommelt, um einmal gründlich und voller Genuss ein paar Alben zu verreißen.
Aber nicht irgendwelche Alben!Hier geht es ans Eingemachte – es geht um Musik, die Kulturgut ist, um die Konsens-besten-Platten-aller-Zeiten, um den Kanon des Rock’n’Roll, um die ganz großen Klassiker. Von Beatles’Sgt. Peppers und Beach Boys’Pet Sounds über Pink FloydsDark Side of the Moon bis hin zuNevermind von Nirvana, dem Kultalbum aller desillusionierten Teenager der 90er. Dass man überhaupt wagt, schlechtes über diese Alben zu schreiben, wird bei manchem hartgesottenen Musikliebhaber ein mit letzter Atemluft hervorgepresstes „Sakrileg!“ hervorrufen. „Das sind Klassiker, Klas-sik-er“, hört man sie beinahe vor seinem inneren Ohr röcheln. Aber genau darum geht es.
Wer von uns hat sich nicht, Hand aufs Herz, schon einmal dabei ertappt, wie einen dieser absoluten Klassiker („Klas-sik-er“) ein-, beziehungsweise, für die Vinylfraktion, aufgelegt und sich gefragt hat, wo da bitte schön jetzt der Witz, das Besondere ist. Da gibt es Menschen, für die ist Kraftwerk einfach nur eine Ansammlung monotoner und langweiliger elektronischer Fieps- und Quietschtöne. Andere fragen sich, was an den minutenlangen Seitenquälereien und Rückkopplungen eines Jimi Hendrix nun bitte schön so revolutionär sein soll, und für wieder andere ist Nirvana nur Lärm und Geschrei. Aber meistens sagt man diese Dinge dann nicht laut, sondern nur hinter vorgehaltener Hand – denn man möchte sich ja nicht als Banause, Nicht-Kenner oder dergleichen outen.
Diese Heuchelei muss ein Ende haben!So könnte man den Tenor von „Hall of Shame“ bezeichnen. Es muss eben auch möglich sein, zu sagen, dass man mit all diesen vermeintlichen Klassikern nichts anfangen kann, ohne gleich als Vollidiot da zu stehen. Und so wird in diesem Buch rücksichtslos gelästert, seziert, und der Beste-Alben-aller-Zeiten-Einheitsmeinung von Rolling Stone & Co eine erfrischend subjektive Position entgegengesetzt.
Anzeige Zimperlich geht es da nicht immer zur Sache.Der Beatles-KlassikerSgt. Peppers wird als „aufgeblasenes und barockes, verfehltes Konzeptalbum“ bezeichnet, Led ZeppelinsIV gilt als „uneben, unzusammenhängend und bleibt hinter seinen Ambitionen und seinem Potential zurück“, und, schlimmer noch, die Band pflege bei diesem Album einen „Hang zum Plagiat“. U2’sJoshua Tree wird zu einem „der unglaublich banalsten Alben im Pantheon der Großen“, und Radioheads als Meilenstein gefeiertesOK Computer als „aufgeblasen, lahm und statisch“ verunglimpft. Harte Worte, aus denen man manchmal auch viel Frust aus jahrelangem traditionellem Musikjournalismus (in dem fast alle der Autoren tätig sind) herauszulesen glaubt.
Ein Problem des Buches ist, dass fast alle Autoren einen ähnlichen Ansatz für ihre kleinen Verrisse wählen: zuerst der persönliche Erstkontakt mit dem Album, dann die Entstehungsgeschichte, dann werden Musik und Texte seziert und verrissen. Das liest sich ein- bis zweimal ganz nett, aber nach einer Zeit tritt eine gewisse Monotonie ein – eigentlich paradox bei einem Buch, dessen Autoren oftmals fehlende Originalität der Musiker einklagen. Aber vielleicht schreibt man nach zehn Jahren Rolling Stone einfach genau so und nicht anders.
Aus dem Einheitsstil der Autoren können sich nur wenige Texte abheben, etwa Jim Walsh, der statt eines klassischen Verrisses seinen Mordfantasien an den Bluesrockern Fleetwood Mac in einer Kurzgeschichte freien Lauf lässt. Der Rest ist eher durchschnittlich unterhaltsam, die Botschaft des Buches dagegen umso wichtiger: lasst Euch nicht von oktroyierten Kanons bestimmen – und, hey, steht ein Kanon nicht sowieso im Widerspruch zur Idee von Rock’n’Roll? – sondern bildet Euch Eure eigene Meinung, und traut Euch, sie laut zu sagen, auch wenn Ihr dafür schräge Blicke erntet.Das ist Rock’n’Roll!
Jim DeRogatis, Carmél Carrillo (Hrsg.) Hall of Shame Aus dem Amerikanischen von Götz Bühler
412 Seiten, Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins
ISBN 3-8077-1013-2