Serbien. Während im Herbst 1941 die Erschießung der männlichen Juden vonstatten geht, wird über die jüdischen Frauen und Kinder sowie die noch übrig gebliebenen Männer verfügt. Sie werden in das KZ Sajmiste, einem ehemaligen Messegelände bei Belgrad gebracht. Zu diesem Zeitpunkt steht bereits fest, daß sie dem Gaswagen, der neuesten technischen Erfindung aus Berlin, zum Opfer fallen werden; der Kommandant des Lagers hängt fiktive Anschläge aus, die auf die Umsiedlung in ein besser ausgestattetes Lager hinweisen.
Freiwillige melden sich zuhauf. Und so verlassen zwischen März und April 1942 täglich - sonntags ausgenommen - zwei Lastwagen das KZ Sajmiste: einer mit den Habseligkeiten der jeweils 50 bis 80 Menschen, der andere mit den Menschen selbst. Der erste fährt zum Depot der Nationalsozialistischen Volksfürsorge, der andere in Richtung Avala. Irgendwo zwischen Sajmiste und Avala hält einer der beiden Fahrer des Wagens, Erwin Meyer und Wilhelm Götz geheißen, an und leitet die Abgase direkt ins Innere des Wagens. Auf diese Weise werden die etwa 7500 Lagerinsassen ermordet.
Die Anonymität dieser geschichtlichen Fakten wird in Götz und Meyer, dem neuen Roman des serbischen Erfolgsautors David Albahari, in subjektive Erfahrbarkeit umgewandelt. Der namenlose Protagonist des Romans ist ein fünfzigjähriger Lehrer aus Belgrad, dessen Verwandte nahezu alle im Gaswagen den Tod gefunden haben. Er hat sie ebensowenig gekannt wie die beiden Fahrer des Wagens. Akribisch taucht der Ich-Erzähler in die Vergangenheit ein, er sammelt Dokumente und Informationen, um die Lücke in seinem Ich zu füllen und seinen Stammbaum zu rekonstruieren. Allein die Fakten reichen nicht aus, mit Hilfe seiner Einbildungskraft läßt er Götz und Meyer lebendig werden.
"Ich habe sie nie gesehen, außer in meiner Phantasie", sagt er und dieser Satz wird zum Leitmotiv und unterbricht die sich wiederholenden und erweiternden Geschichten über Götz und Meyer, die wie ein stummes Monster mit zwei Köpfen hinter dem Steuer ihres Wagens sitzen und angesichts der biederen Gründlichkeit und unbekümmerten Gesundheit, mit der sie ihre Arbeit verrichten, Ekel und Grauen erregen. Die immer gleiche Fahrtstrecke, die immer schreienden Menschen im hinteren Teil des Wagens verleihen dem Roman seine hypnotische kreishafte Struktur, die durch poetische Bilder frappant unterbrochen wird.
Die Identitätssuche des Ich-Erzählers wird wahnhaft, denn er oszilliert zwischen den Tätern und Opfern und seiner eigenen scheinbar leeren Hülle, zwischen nicht Vorhandenem und längst Gewesenem. Er blickt in den Spiegel, kämmt sich als Götz und rasiert sich als Meyer, unterhält sich mit beiden über den Krieg und wird im nächsten Moment zu einem Jungen aus dem Lager, der von Götz oder Meyer Süßigkeiten geschenkt bekommt. "Mein Leben ist wie eine Erinnerung, die nicht weiß, wer sie gespeichert hat" sagt er zu seiner Schulklasse. In seiner Verzweiflung ist er aber auch tragikomisch wie Don Quijote: "Gelegentlich besteht der Sieg im Eingeständnis der Niederlage, nicht so in meinem Fall. Ich kämpfe lieber gegen Windmühlen, auch wenn sie alt und hinfällig sind".
Mit Imagination geht Fiktion in Realität über. Der Lehrer besucht mit seiner Schulklasse das Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers und gibt ihnen die Namen seiner Vorfahren. Für sich selbst erfindet einen weiteren Verwandten, den 13jährigen Adam, und gibt sich damit das Gesicht, das er nie hatte. Als Adam vollzieht er mit ihnen die Fahrt im Wagen nach. Und Adam ist der einzige, der die Fahrt überlebt, weil er aus dem Lager eine Gasmaske schmuggeln konnte. Als Adam blickt der Erzähler nun auf den Tod seiner Verwandten und als Adam wird er auch von den Wachleuten erschossen. Was für ihn fiktives Erinnern bedeutet, wird für seine Schüler reales Erinnern: "Denn solange es die Erinnerung gibt - das war es, was ich ihnen eigentlich sagen wollte -, besteht die Möglichkeit und sei sie auch noch so winzig, daß jemand irgendwann irgendwo die wahren Gesichter von Götz und Meyer sieht, was mir nicht gelungen ist. Aber so lange diese Gesichter nur eine Leere widerspiegeln und daher für jedes beliebige Gesicht stehen können, werden Götz und Meyer immer wieder zurückkehren und den Irrwitz der Geschichte wiederholen, der schließlich zum Irrwitz unseres Lebens wird". Damit durchbricht der Ich-Erzähler aber auch die Barriere, die Götz und Meyer in ihm errichtet hatten, von der es eingangs hieß, sie wäre wie aus Bergkristall; ein letztes Mal ergreift er wie Don Quijote seine Lanze - die eigentlich ein Regenschirm ist -, macht die Innen- zur Außenwand und durchbricht sie.
Fazit: David Albahari kontrastiert fahles Grauen mit verhalten-eindringlicher Poesie im Takt eines Grammophons, dessen Nadel hängengeblieben ist und die immer gleiche Melodie einer alten Schallplatte abspielt. Diesem Lese-Erlebnis sollte man sich keinesfalls entziehen.
David Albahari Götz und Meyer Roman 160 Seiten, Eichborn Verlag ISBN 3-8218-0685-0