Das Schicksal kennt viele Formen, doch eher selten dürfte es in Gestalt eines Puzzlebildes ansichtig werden – so geschieht es in August & Gustau, wo das Leben nach den Gesetzmäßigkeiten eines Bildes der Bilder abläuft und der Tod sich einem Puzzle fügt – oder besser gesagt: zusammenfügt. Denn wie ein Puzzle ist auch dieser innovative Kurzroman gestaltet, der Miniaturkapitel ungeordnet hintereinander stellt und das Bild der Handlung vom Leser zusammenstückeln lässt: ein Puzzle im Puzzle, ein Bild im Bild – und ein überaus geistreicher Roman, die hinter den Puzzle-Rändern einer knappen Handlung mit einer tiefgreifenden Komplexität aufwartet.
Das Atelier des Apelles zählt zu den berühmtesten Gemälden des flämischen Malers Willem van Haecht: Es ist ein Bild, das andere Bilder in sich trägt, sozusagen ein Kosmos der Bilder, und das einzige Gemälde im Museumssaal, den der Erzähler des Romans Tag für Tag bewacht: ein Bild, das er tagtäglich mustert, dessen Abbildungen für ihn zum Gleichnis seines Lebens werden – und das auch zum Gleichnis seines Todes werden soll. Der Museumswärter beschließt zu sterben, kauft ein Puzzle von seinem Schicksalsgemälde und setzt die beiden Karikaturen von Halunken namens August und Gustau auf sich an. Diese sollen ihn töten, sowie er das Puzzle beendet hat, und so wird die Vervollständigung eines Gemäldes zum sinnbildhaften Prozess seines (Ab-)Lebens.
August & Gustau ist ein Paradewerk des postmodernen Erzählens: Es entwirft einen präzise konstruierten Kosmos voller Zeichen, voller Sinn-Bilder, die miteinander kommunizieren, und fängt eine ganze Existenz im Regelwerk einer Metapher ein. Das Puzzle-Gemälde wird zum Inbegriff allen Geschehens, nach dessen Gesetzmäßigkeiten im Sinne der (Bildenden) Kunst malt Fonalleras den Lebenskosmos seines tragikomischen Helden aus.
Anzeige Es ist ein Vergnügen, die Puzzleteile der Handlung zusammenzusetzen, dem Protagonisten zu lauschen, wie er am Beispiel von Eichblattsalat über den Fatalismus philosophiert, und hinter jedem Wort tiefere Sinnbezüge zu finden – denn wie in einem Puzzle steht jedes Teil im Verhältnis zum Ganzen und verrät jede Ecke einem geübten Auge, welches andere Stück sich wohl daransetzen ließe. So verspielt der Roman ist, so detailreich ist auch seine Gestaltung: Die Innenseite des Einbandes ziert eine Abbildung von Willem van Haechts Gemälde.
Fazit: Eine literarische Welt aus Bildern, in denen jedes Wortpuzzle auf die anderen Teile abgestimmt ist. Der katalanische Kurzroman August & Gustau ist ein postmodernes Erzählstück, wie man es sich nur wünschen kann: Pointiert, verspielt, kurzweilig und voller Bezüge, die eine weitaus tiefgründigere Lesewelt erfahrbar machen. Eine einmalige Leseerfahrung, die man gerne wieder und wieder konstruiert.