Es darf dahingestellt bleiben, ob der Spiegel so erfolgreich geworden wäre und sich zu solch einer Institution hätte entwickeln können, wäre die Münze anders gefallen, und der Spiegel hätte nicht mehr Spiegel sondern Echo geheißen. Und wie diese Namensentscheidung mit mehr Glück als Verstand getroffen wurde, so war die Karriere Rudolf Augsteins – zumindest in den Anfangstagen – vom zufälligen Zusammentreffen sehr glücklicher Umstände geprägt. Diesen Eindruck vermittelt Peter Merseburger in seiner aktuellen Augstein-Biografie, die streng chronologisch das Leben eines der wichtigsten Journalisten und Publizisten nachzeichnet.
Gerade einmal ein Volontariat und einige Jahre Kriegserfahrung konnte der 23-Jährige vorweisen als der britische Panzermajor John Seymour Chaloner aus einer Laune heraus auf die Idee kommt, es wäre doch recht schön, ein deutsches Nachrichtenmagazin im Stile der amerikanischen Time zu entwickeln – und alles, was er dafür brauchte, war ein unbescholtener junger Journalist, mit leichtem Hang zu einer ironischer Schreibweise – und den fand er in Rudolf Augstein, den er damit beauftrage, das Magazin Diese Woche herauszugeben, aus dem wenige Monate später der Spiegel hervorging.
Und tatsächlich sorgte Diese Woche schon von Beginn an für einige Aufregung, rebellierte er doch schon in seiner ersten Nummer gegen die Besatzungsmächte, verfolgte nationale Ziele und war in vielen Artikel noch sehr von der militärischen Sprache der Kriegszeit geprägt. Anhand vieler Beispiele und Zitate aus den Artikeln und einer Vielzahl von Bildern schafft es Merseburger nicht nur ein Portrait Rudolf Augsteins zu zeichnen, sondern zudem eine spannende Darstellung der jüngeren Zeitgeschichte zu liefern. Deutlich wird, dass Augstein natürlich ein mit einem beneidenswerten Instinkt ausgestatteter Journalist war, der über die Jahre hinweg ein feines Händchen dafür entwickelte, auch die heißesten und umstrittensten Themen anzugreifen und sich nicht von Adenauer, Strauß, Globke und wie sie alle hießen, einschüchtern zu lassen. So machte er den Spiegel zu einer investigatorischen Instanz, zum „Sturmgeschütz der Demokratie“, wie sie beinahe beispiellos in der Welt ist und die wie kaum ein anderes politisches Magazin den politischen Diskurs der Bundesrepublik mitbestimmte.
Anzeige Doch Merseburger zeigt ebenso schonungslos die ersten Gehversuche Augsteins, der gerade aus dem Krieg zurückgekehrt ins kalte Wasser geworfen wird und sich selbst sowie seinen journalistischen Stil erst einmal finden und entwickeln muss, bevor er zu der Reife, die mit der Spiegel Affäre an ihrem Höhepunkt angelangt war, kommen konnte. Und so schmunzelt man mit Peter Merseburger über herrlich-abstruse Stilblüten, recht eigenwillige Artikelserien sowie über widersprüchliche Kommentare und Leitartikel. Nicht zu kurz kommt auch Augsteins gescheiterter Versuch, sich als Dramatiker auf der Bühne zu etablieren – logisch, dass einer der schlimmsten und schonungslosesten Verrisse über sein Stück in seinem eigenen Magazin erschienen ist.
Trotzdem sich Merseburger streng an die Chronologie hält, missrät seine Biografie zu keinem Zeitpunkt zu einer sterilen Chronik. Vielmehr entwickelt er einen erzählerischen Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann. Gebannt verfolgt man den Werdegang eines Mannes, seines Magazins und der Bundesrepublik und staunt, welch positiven Einfluss dieser Mann, dem nichts so verhaßt war, wie political correctness auf Deutschland ausüben konnte – freilich nicht ohne Rückschläge hinnehmen zu müssen oder als Geschäftsmann, der Augstein natürlich auch war – und zwar zu Zeiten ein knallharter und scharf kalkulierender -, über Leichen zu gehen.
Ein beeindruckendes Stück deutscher Zeit- und Mediengeschichte – beeindruckend dargestellt von Peter Merseburger!