Der Erlöser hat es sich so schön vorgestellt: Nur noch einen einzigen Mord, pünktlich zu Weihnachten und danach sollte endlich Schluss sein. Er hat genug vom Töten – zwar hat ihn das nie wirklich angegriffen oder zu größeren psychischen Schäden geführt, doch nervig war es nichtsdestotrotz – und nun soll endlich Schluss sein mit dem anonymen Leben in Hotels, dem unendlichen An- und Ablehnen irgendwelcher erfundener Identitäten und dem Ermorden irgendwelcher Leute! Der Mann, der in seiner kroatischen Heimat nur „der kleine Erlöser“ genannt wird, macht sich also auf den Weg nach Oslo, um seinen letzten Auftragsmord hinter sich zu bringen, und um danach in Ruhe sein Leben zu verbringen.
Und so reibungslos, wie alle bisherigen Morde vonstatten gingen, scheint er auch seinen letzten Auftrag erledigt zu haben: Sein Opfer hat er beinahe unbemerkt mitten im größten Weihnachtstrubel mit einem einzigen Schuss durch die Stirn ermordet – und hätte sein Flug wegen heftigen Schneefalls nicht auf den nächsten Tag verschoben werden müssen, hätte er vermutlich nie erfahren, dass er den falschen Mann umgebracht hat. Als professioneller Killer läuft er nun seinem eigentlichen Opfer hinterher – und liefert sich ein sehr packendes Duell mit der Osloer Polizei und Harry Hole, den der geneigte Leser der Romane Jo Nesbøs bereits als meist mürrischen, aufmüpfigen und alkoholkranken Ermittler kennt.
Anzeige Stankic, so der richtige Name des Erlösers, erweist sich als harter, geschickter und nicht nur von der gesamten Osloer Polizei sondern auch vom Glück verfolgter Bösewicht, dem Nesbø neben seinem Dasein als Killer auch noch eine tonnenschwere Vergangenheit als junger Soldat im serbisch-kroatischen Bürgerkrieg aufbürdet. An einigen Stellen wirken die Rückblenden und Kriegsszenen allerdings viel zu aufgetragen und zu gewollt psychologisch, als sei sein „Beruf“ als Killer damit zu begründen, dass er während des Bürgerkrieges schlimme und traumatische Erfahrungen sammeln musste. Viel interessanter sind die Hintergründe des versehentlich Getöteten und des wirkliches Opfers, ein Bruderpaar, beide in der Heilsarmee und beide mit dunkler Vergangenheit beseelt. Hier schafft es Nebsø tatsächlich seinem Thriller eine emotionale und psychologische Tiefe mitzugeben, die, gepaart mit einigen gesellschaftskritischen Perspektiven hinter die scheinbar makellosen Fassaden der Heilsarmee, einen sehr spannenden, packenden und vielschichtigen Krimi ergeben, dessen Handlung man gespannt verfolgt und dessen Ende bis zum Schluss nicht unbedingt vorhersehbar ist.
Fans schwedischer Krimis sollten hier unbedingt zugreifen, denn in Sachen düsterer Atmosphäre, mieslauniger Ermittler und melancholischer Erzählweise macht den Skandinaviern momentan kaum einer etwas vor – und Jo Nesbø, der gescheiterte beinahe-Fußballprofi und ehemalige Sänger einer der bekanntesten und erfolgreichsten Pop-Bands Norwegens, gelingt es zudem aus der bekannten und erfolgreichen Schiene auszubrechen und dem Genre des „Nordischen Krimis“ einige neue und interessante Facetten hinzuzufügen!
Jo Nesbø Der Erlöser (Originaltitel: Frelseren (Harry Hole 6))
Aus dem Norwegischen von Günther Frauenlob
Ullstein, 2007
512 Seiten, gebunden, 19,90 Euro
ISBN-10: 3550086865
ISBN-13: 978-3550086861