Ein bisschen sonderbar ist es schon, dass der Sohn das Verschwinden seiner Mutter erst so spät meldet, doch eigentlich ist der Sohn selber auch etwas seltsam, und das liegt nicht nur an seinem Beruf, denn welcher erwachsene Mann baut schon Marionetten? Ein Mann vielleicht, der keine Frau hat? Ein Mann, der ein Mörder ist?
Am ersten Juni 2004 bricht die 65-jährige Eva-Maria Sauer zu einer Reise zu ihrer Freundin auf, doch sie kommt nie an. Sie kehrt auch nicht zu ihrem erwachsenen Sohn zurück, der nach zwei Wochen endlich das Verschwinden seiner Mutter der Polizei meldet. Obwohl Nachbarschaft und Polizei das Verhalten von Timothius Sauer überaus seltsam, ja verdächtig finden, weist doch nichts darauf hin, dass der Sohn am Verschwinden seiner Mutter die Schuld trägt.
Doch auch wenn Eva-Maria für die Welt verschwunden ist, so wird Timothius immer wieder mit seiner streng religiösen, übermächtigen Mutter konfrontiert, denn ihre Stimme in seinem Kopf wird er nicht los. Insbesondere wenn er versucht, neue Frauenbekanntschaften zu schließen, drängen sich ihre Moralvorstellungen und ihre Eifersucht dazwischen. Niemand ahnt, dass der Tag, an dem Timothius sein wichtigstes, ängstlich gehütetes Puppenprojekt der Welt vorstellen will, noch andere Enthüllungen mit sich bringen wird.
Anzeige Der Sohn mit der übermächtigen Mutter ist spätestens seit Alfred Hitchcock und Norman Bates ein beliebter Topos im Genre der Psychothriller und –krimis. Es ist für jeden Autor natürlich eine reizvolle Herausforderung, sich in den Kopf eines Charakters zu versetzen, dessen Wahrnehmung der Realität nicht der „normaler“ Menschen entspricht. Doch mit dem Reiz geht auch die Gefahr einher, dass es nicht gelingt, dem Leser diese Andersartigkeit zu vermitteln, ohne zu langweilen oder abzustoßen.
So wirkt die Einstiegssequenz, die das latent kranke Zusammenspiel von Mutter und Sohn charakterisieren soll, sprachlich leicht gekünstelt und bemüht. Zum Glück findet Monika Detering nach und nach zu einem natürlicheren Sprachrhythmus, trotzdem stellt die Hauptfigur weiterhin ein Problem dar. Während Bates, der Urvater dieses Typus, den Leser trotz allen Ekels doch Mitleid fühlen ließ, weckt Timothius eher das Gefühl, dass man Mitleid fühlen sollte, ohne es wirklich über sich zu bringen.
Wirklich gelungen ist hingegen das Finale, das den Fall um die verschwundene Mutter zu einem konsequenten, doch gleichzeitig überraschenden Ende führt. Angedeutete Handlungsfetzen, die sich bruchstückhaft durch die Handlung zogen, fügen sich zu einem Ganzen zusammen, und treiben das Mutter-Sohn-Verhältnis auf eine bittere Spitze. Es ist schade, dass die Figurenzeichnung – sowohl von Haupt- als auch Nebenfiguren – hinter diesen inhaltlichen Vorzügen zurückbleiben.
Fazit: Psychologischer Krimi – logisch, aber streckenweise zu bemüht.