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Das Haus PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Heike Geilen, am 17-01-2008 11:00
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Favoriten 23

Das HausFrankensteins … Nein: Danielewskis Monster

Ist Mark Z. DanielewskisDas Haus ein Horrorroman oder eine Wissenschaftssatire? Vielleicht beides. Auf jeden Fall ist es eine der auffälligsten Neuerscheinungen, denn dieser Roman ist anders: ER LEBT!!!

 

 

Danielewski hat mit seinem Erstling Das Haus ein Monster kreiert.

Zehn Jahre Entstehungszeit, mehr als 800 Seiten lang, ein halbes Dutzend unterschiedlicher Schriftbilder, 450 Fußnoten, zwei Druckfarben, ein langes Register, eine Bibliografie, drei große Anhänge, Illustrationen, ein Index und ein Text-Layout, das dem englischen Dichter Edward E. Cummings (ebenfalls für seine typographischen Verzerrungen und Überraschungen bekannt) alle Ehre gemacht hätte, sind nicht unbedingt typisch für einen Debütroman. Auf den ersten Blick scheint es, David Foster Wallace hätte sich H.P Lovecrafts bedient, um ein literarisches Gegenstück zum Film The Blair Witch Project zu schaffen: ein experimentelles Meisterstück.

Ein begabter, aber psychotischer junger Mann, der sich Johnny Truant nennt und als Gehilfe in einem Tätowierladen in L.A. arbeitet, stößt auf ein gewaltiges Manuskript. Er hat es nach dem Tod eines alten Mann mit Namen Zampano, der im Apartmenthaus seines Kumpels wohnte, gefunden. Das Manuskript ist ein wirres Durcheinander, aber Johnny wird unwiderstehlich von ihm angezogen und beginnt es abzuschreiben und durch Fußnoten zu ergänzen.

"Der Navidson Record" - so sein Titel - ist Zampanos wissenschaftliche, kritische Abhandlung eines gleichnamigen Dokumentarfilms von Will Navidson - Fotojournalist und Pulitzer preisträger. Johnny entdeckt bald, dass es in Wirklichkeit keinen solchen Film gibt, und selbst wenn es ihn je gab, wäre Zampano nicht in der Lage gewesen, eine derartige Kritik zu schreiben: Er war blind.

Und doch ist Zampanos Bericht so fesselnd und unwiderstehlich, dass Johnny - wie wahrscheinlich auch die meisten Leser - seine Zweifel vergisst und immer tiefer in den Bericht hineingezogen wird. So tief, dass er mehr und mehr die Trennung zwischen Wirklichkeit und Fiktion verliert.

Navidsons angeblicher Dokumentarfilm betrifft ein Haus in Virginia, in das er mit seiner Familie zieht. Zuerst scheint alles normal, aber bald zeigen sich eigenwillige Raumveränderungen: Das Haus ist innen ein bisschen breiter als außen. Später erscheint im Inneren auf einmal eine - zuvor nicht vorhandene - Tür in der Außenwand, jedoch ohne äußeres Gegenstück. Hinter der mysteriösen Tür offenbart sich ein kleiner Flur - schmal, dunkel, ungefähr fünf Meter lang. Doch je mehr er untersucht wird, desto tiefer scheint er zu werden, bis er sich schließlich in ein Labyrinth verwandelt, an dessen Ende sich ein riesengroßer Raum von Schwindel erregender Dimension befindet. In seinem Zentrum führt eine Wendeltreppe in scheinbar endlose Tiefe hinab. Navidson trommelt einen Untersuchungstrupp zusammen, um die eisige, vollkommen lichtlose, leere Welt, die ständig ihre Form und Größe verändert und aus deren Tiefen ein unheimliches Grollen zu hören ist, zu erkunden . Ein scharfkralliges Ungeheuer scheint den Irrgarten zu bewohnen (Vergleiche zum Labyrinth des Minotaur us werden gezogen).

Die Berichte der Erforschung dieses dunklen Abgrunds sind haarsträubend, und die physische Unmöglichkeit von all dem vertieft sich noch, durch die von den Protagonisten gefühlte metaphysische Todesangst.

Die räumliche Anordnung wird visuell an den Leser weitergegeben und überträgt linear die Ängste von Navidsons Mannschaft, die ihren Weg verloren hat und nach und nach dem Wahnsinn verfällt. Der Text ahmt den Irrgarten nach: Er wird b r e i t e r und zieht sich zusammen , geht in sonderbare Richtungen, bildet Fenster, leere Räume, Krümmungen, kauert sich in Ecken und formt Strudel. Er ist teilweise durchgestrichen und mit fortlaufenden und ineinander verschachtelten Fußnoten versehen, die zeitweise die Seiten überfüllen. Manchmal muss man das Buch auf den Kopf drehen, einige Seiten vor- und dann wieder einige Seiten rückwärts lesen.

Die Konfusion des Textes überträgt die Verwirrung der Entdecker linear auf den Leser. Wie es der englische Titel The House of Leaves treffend bezeichnet, soll dem Leser suggeriert werden, dass das Buch selbst das gefährliche Haus ist: Ein Haus aus Blättern und Buchseiten, in dem er sich verlieren wird.

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Die Fußnoten nehmen einen besonderen Stellenwert ein. Zampanos Fußnoten zitieren (und machen sich gleichzeitig lustig über) wissenschaftliche Filmkritiken (was dabei an Namen und Verlagen echt ist oder nur fiktiv wird so egal wie bunt gemischt und bleibt, sobald man nachgoogelt, immer für eine Überraschung gut); Johnnys Fußnoten zeigen seinen eigenen psychischen Zerfall: ein laufender Bericht seines unberechenbaren Lebens. Nach einer alles andere als harmonisch verlaufenden Kindheit und Jugend, lebt er in den Tag hinein. Er verliebt sich in eine Striptease-Tänzerin, konsumiert zu viele Drogen und macht sich allgemein kaputt, weil er fortgesetzt den ungeheuerlichen Text von Zampano bearbeitet. Allmählich erscheinen Details über seine zweideutige Beziehung zu seiner geistvollen, aber verrückten Mutter, die ihn beinahe - wörtlich genommen - zu Tode erschreckte, ihm aber gleichzeitig seinen intellektuellen Verstand gab, den "Navidson Rekord" zu redigieren und bewältigen zu können. Die Briefe an ihren Sohn, geschrieben aus einer Irrenanstalt und im Anhang abgedruckt, sind blendend und zeugen von unglaublicher Intelligenz.

Das Haus überschattet andere berühmte Spukhäuser der Literatur. Danielewski setzt den Leser nicht mitten hinein, sondern hüllt mehrere Lagen Zeugnisse, Fiktionen, Erzähler um dieses Gebäude. Er verknüpft die furchterregenden Räume innerhalb des Hauses mit psychologischen Zuständen wie der Platzangst und geht sogar bis zur germanischen Legende von Yggdrasill: der Weltenbaum, die große Esche (Ash Tree) im Zentrum des Universums, die Himmel, Erde und ihre neun Welten miteinander verband.

Was bei anderen Autoren nur eine "gewöhnliche" Erzählung eines spukenden Hauses sein würde, ist bei Danielewski eine wissenschaftliche Untersuchung der "psychologischen Dimensionen des Raums." Der Autor bringt Architektur und Mythos, Filmtheorie und Psychologie ein.

Der Roman sieht in seiner Patchwork-Konstruktion wie Frankensteins Monster aus, aber er lebt! Er lebt!

Besonders hervorzuheben ist die großartige Übersetzung durch Christa Schuenke, unterstützt von Olaf Schenk, die den bockigen, rätselhaften Text, die Anagramme und die vielen anderen Verschlüsselungen in ein deutsches Lesevergnügen verwandelt hat.

Auch Lektor Hannes Riffel und Setzer Ronald Hoppe haben entscheidend dazu beigetragen, die deutschsprachige Ausgabe des Klett-Cotta Verlages zu einem Gesamtkunstwerk zu machen: Zweifellos für alle Beteiligten eine ebensolch monströse Mühe und Arbeit.

Gleichwohl wird Das Haus aber sicher auch die bemerkenswerte Reihe der Bücher verlängern, die nie vollständig gelesen werden, alsbald im Bücherregal verschwinden und in der Reihe der großen literarischen Irrfahrten einen Ehrenplatz neben Joyces Ulysses finden.

Fazit:

Das Haus verbindet neben mehrtägiger harter Lesearbeit und außergewöhnlicher Konzentration auch echten Grusel und postmoderne Auflösungsfreude. Das Pseudodokumentarische des Romans lädt zur Mitarbeit ein, zur eigenen Erforschung des fiktiven Phänomens. Empfehlenswert für alle Freunde anspruchsvoller Fantastik und moderner Literatur.

Und wer richtig hinschaut, wird irgendwo in seinem Leben auch solch eine Tür finden, die ins Dunkle führt: "Bleiben Sie nicht stehen, gehen Sie auch nicht langsamer, sondern laufen Sie einfach weiter. Da ist nichts. Seien Sie vorsichtig!"

Bibliogaphische Angaben

Mark Z. Danielewski
Das Haus

Originaltitel: House of Leaves
Aus dem Amerikanischen von Christa Schuenke
Klett-Cotta Verlag (August 2007)
827 Seiten, Gebunden, 29,90 Euro
ISBN 10: 3608937773
ISBN 13: 978-360893777

 

 

 

 

Klappentext

Nachdem Navidson bei einer ersten Erkundung dieser Räume fast den Rückweg nicht mehr findet, holt er Hilfe - ein Ingenieur und ein professioneller Höhlenforscher sollen die unermesslichen Räume im Hausinneren erforschen helfen. Und immer läuft die Kamera mit - und zeichnet auf, was über den Verstand aller Beteiligten geht und ganze Generationen von Filmkritikern und Kinogängern schaudern lassen wird.

 


Letztes Update: 17-01-2008 11:26

Veröffentlicht in : Buch, Krimi / Thriller
Schlüsselworte : das haus, 3608937773, 978-360893777, House of Leaves, Danielewski, schuenke
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