Die Neue Zürcher Zeitung schrieb zu ihrem letzten Roman„Der vierzehnte Stein“ folgenden schönen Satz: „Fred Vargas schreibt Romane, die man nicht empfiehlt, sondern von denen man gemeinsam schwärmt.“ Dem ist eigentlich nicht viel hinzuzufügen. Ein Grund hierfür liegt sicherlich auch an ihrem Protagonisten Jean Baptiste Adamsberg, einem Kommissar, der irgendwo angesiedelt ist zwischen seinen Träumereien, seinen Launen und seiner Intuition, der er mehr als jeder Logik vertraut – und das hat ihn nicht nur recht schnell zum Leiter der Pariser Mordbrigade gemacht, sondern auch zu einem der interessantesten Serienermittler der Krimiliteratur.
Zu Beginn des aktuellen Romans "Die dritte Jungfrau“ hat Adamsberg ein altes, kleines Haus mitten in Paris erworben. Doch in dem Haus spukt es, das zumindest sagt der Nachbar. Der Schatten einer frauenmordenden Nonne aus dem 18. Jahrhundert schlurft des Nachts über den Dachboden. Gehört hat der Kommissar das schon, aber was macht ihm das aus, wo er es doch mit viel gegenwärtigeren, furchtbaren Schatten zu tun hat. Dem Schatten seiner Vergangenheit und einem mysteriösen Schatten, der auf Frankreichs Friedhöfen sein Unwesen zu treiben scheint.
Die dritte Jungfrau gehört sicherlich zu Vargas dunkelsten und verstörendsten Romanen, was aber nichts Negatives bedeuten soll – ganz im Gegenteil! Hinzu kommen die inzwischen schon typischen Vargas-Elemente wie Humor und ihr unnachahmliches Talent, mitreißende Dialoge zu schreiben mit dem Ergebnis, einen wunderbaren modernen und tief in die menschlichen Abgründe blickenden Krimi vorliegen zu haben.
Anzeige Nun veröffentlicht der DAV das Hörspiel zu diesem Roman – und das Hörspiel kann nicht so recht überzeugen. Leider, bietet die Romanvorlage doch einiges an Stoff und Atmosphäre, die nur darauf warten, klangtechnisch umgesetzt zu werden. Nicht, dass die vom WDR verantwortete Umsetzung schlecht wäre, doch es ist vor allem die hintergründige Klangkulisse, die mehr verwirrt als dass sie unterstützend wirkt.
Und auch die dem Hörspiel zugrunde liegende Hörspielfassung ist an einigen Stellen arg zusammengekürzt und dürfte vor allem bei denjenigen, die den Roman nicht gelesen haben zu einigen Irritationen und Verständnisschwierigkeiten führen. Zwar existiert mit Kristina Posch eine Erzählerin, die die diversen Handlungsstränge zueinander führt, Brücken schlägt und dem Hörspiel eine gewisse Struktur verleiht, Fragen und Leerstellen bleiben dennoch.
Die Rollen dagegen, u.a. gesprochen von Volker Risch, Christian Redl und Karin Anselm sind hervorragend besetzt, die Stimmen heben sich gut voneinander ab, so dass nach wenigen Minuten klar ist, welche Stimme welchen Protagonisten spricht – und die Sprecher verstehen es, ihren Figuren einen individuellen Charme mitzugeben, der dem Grundcharakter des Romans sehr nahe kommt.
Insgesamt also ein empfehlenswertes Hörspiel, das allerdings einen Hörer voraussetzt, der den Roman kennt – ansonsten dürfte die Freude ein wenig getrübt werden.