Wussten Sie eigentlich, dass in allen Fußballstadien der Welt allwöchentlich lautstark Allah angerufen wird? Den allbekannten Schlachtruf Olé rhythmisch unverkennbar wiederholt bringen viele wahrscheinlich mit Spanien in Verbindung assoziieren damit vielleicht Stierkämpfe und Toreros doch mitnichten: Es ist das arabische Wort für Gott, das Fußballfans skandieren!
Europa hat ein Identitätsproblem. Zu dieser Erkenntnis gelangen Ilija Trojanow, der Autor des preisdekorierten Romans Der Weltensammler und der indische Dichter und Kulturkritiker Ranjit Hoskoté in ihrem Buch Kampfabsage, in dem sie versuchen, die Vorstellung, Europa sei durch seine jüdisch-christliche Tradition geprägt und in der Renaissance begründet worden, ad absurdum zu führen. Die beiden Autoren zeigen, dass die Entwicklung von Kulturen, so auch der europäischen immer auf einem Zwischenspiel, einem ständigen Mit- und Gegeneinander verschiedenster kultureller Einflüsse beruht. Und sie haben dafür eine recht plastische Metapher gefunden, die als übergeordnete Idee über dem gesamten Buch stehen könnte: „Je größer ein Fluss, desto irreführender sein Name: Der gesamte Flusslauf trägt lediglich einen einzigen Namen. Aber kein Strom kann zu majestätischer Größe wachsen und den Ozean erreichen, ohne von Neben- und Zuflüssen gespeist zu werden.“ Und diese Neben- und Zuflüssen beschreiben Trojanow und Hoskoté und zeigen, dass sowohl fernöstliche, arabische und asiatische Ideen, Geistesströmungen und Erfindungen einen immensen Einfluss auf unser heutiges Europa ausüb(t)en.
Anzeige Die Belesenheit der Autoren ist beeindruckend, die geistesgeschichtlichen Querverbindungen und gegenseitigen Einflussnahmen verschiedener Kulturen, sei es durch eine Übernahme oder eine bewusste Ablehnung, sind immer wieder überraschend und informativ und zeigen, dass Menschen, egal wo sie wohnen, wann sie gelebt haben und welcher Religion und Kultur sie angehören prinzipiell gleich ticken und sich gegenseitig inspiriert haben. Als historisch untragbar hat sich auch die Vorstellung einer festgelegten unerschütterlichen Identität erwiesen. Gerade die Beispiele Griechenlands, Roms und des modernen Europas zeigen, dass kulturelle Identität und Existenz ein fortschreitender Prozess ist, der Menschen vor immer neue Aufgaben stellt, in denen es darum geht, neue Entwicklungen und Einflüsse sowohl von Außen als auch von Innen entweder anzunehmen, produktiv und kreativ umzusetzen oder abzulehnen. Ein Ende der Geschichte, in der die Welt eingeteilt ist und kein Platz für Veränderungen und Wandel bleibt, ist eine blanke Schimäre und zum Scheitern verurteilt: „Das einzig Ewige ist die Veränderung, sagt ein altes Sprichwort. Wenn die westliche Welt sich abschotten will, so glaubt sie also an das Ende der Geschichte. Sie glaubt, dass ihr System das Beste und Letzte ist, dass die westliche Kultur abgeschlossen hat und fertig ist. Sie ist dem Tod geweiht."
Im Gegensatz zu vielen Publikationen, die momentan das Licht der politisch korrekten Welt erblicken, haben wir es bei dem vorliegenden Buch nicht mit einem gut gemeinten aber schlecht durchgeführten Projekt zu tun: Natürlich ist der völkerübergreifende Gedanke auch in diesem Buch allgegenwärtig, doch die Autoren lassen bei allen Gemeinsamkeiten den Unterschieden genügend Raum für Unterschiede und vermeiden jegliche Idealisierung eines globalen Völkerverständnisses. Das kann es nicht geben – muss es ja auch nicht geben, so lange man Unterschiede anerkennt und toleriert. Nicht alles, was unvereinbar scheint, müsse zu einem Kampf der Kulturen führen, so das Fazit dieses Buches.
Ein eindrucksvolles Buch, das ohne allzu großen moralischen Zeigefinger daherkommt und dem Leser viele überraschende Verbindungen und Erkenntnisse über unsere moderne Gesellschaft verschafft, die zum Nachdenken anregen und vom Autorenteam Trojanow/Hoskoté sehr unterhaltsam dargebracht werden.
Ilija Trojanow und Ranjit Hoskoté Kampfabsage Kulturen bekämpfen sich nicht - sie fließen zusammen Karl Blessing Verlag
September 2007
240 Seiten, EUR 17,95
ISBN: 3896673637