Isabella. Wer bei diesem Namen an eine wunderschöne Frau denkt, der trifft die Sache nicht ganz. Denn Isabella ist eine Dinosaurierdame. Auf einer Expedition in der Antarktis wird Isabella gefunden. Eingefroren im Eis. Mit seinem Debütroman präsentiert Paul Fattaruso eine außergewöhnliche, poetische, phantasievolle, schräge und urkomische Geschichte über einen Dinosaurier, der leidenschaftlich gerne den Melodien des Flügelhorns lauscht.
Wenn man einen Dinosaurier im Eis entdeckt und vorhat ihn aufzutauen, erfordert das natürlich drastische Maßnahmen an Geheimhaltung. Deshalb nimmt sich auch der Ex-Präsident der Vereinigten Staaten höchstpersönlich dem prähistorischen Wesen an, das in einem enormen Eiswürfel nach Argentinien überführt wird: "Der Ex-Präsident hielt Dinge gern aus Spaß geheim, doch in diesem Fall war er der Ansicht, dass es gute Gründe dafür gab, den eingefrorenen Dinosaurier geheim zu halten. Daher nahm man keine Kameras mit in die Antarktis. Und anstatt in Argentinien ein Dinosaurier-Labor zu bauen, baute der Ex-Präsident ein Baseball-Stadion (...) und unter dem Baseball-Stadion baute er ein Dinosaurier-Labor."
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Doch nicht nur die Geschichte der Menschen, die einen Saurier auftauen birgt spannende Momente und interessante Charakter, auch ein Dinosaurier selbst hat unglaublich viel zu erzählen. Denn in so einem Dinosaurierhirn ist Platz für viele Erinnerungen: "Eine ungeheuer große Menge von Dinosaurier-Gedanken wurde von einer Generation an die nächste weitergegeben, und trotzdem ging zugleich eine ungeheuer große Menge verloren. Erinnerungen wurden über den Körper vererbt, über die Gene, genau wie Augenfarbe und Reaktionsschnelligkeit. Ein Dinosaurier vererbte nur Erinnerungen aus der Zeit vor der Zeugung und der Eiablage seines Kindes. (...) Trotzdem hatte Isabella eine Erinnerung ihrer Mutter aus der Zeit aufgeschnappt, nachdem ihre Mutter das Ei mit ihr darin abgelegt hatte. Isabella erinnerte sich daran, dass ihre Mutter den Zweig eines Granatapfelbaums gekaut hatte, und sie erinnerte sich an die süße Pampe der Samenkerne, und dann hatte ihre Mutter auf Isabella geschaut, die gerade aus dem Ei geschlüpft war, und Isabella weiß noch, wie ihre Mutter sie anschaute und dabei dachte, dass sie nun nach Belieben sinnieren konnte, weil Isabella nichts mehr davon mitbekam, dass ihre Gedanken ab jetzt ihr allein gehörten, dass ihr kleiner Spion geschlüpft und seine furchtbare Arbeit damit getan war (...)."
Isabella lebt nun also mit ihren Erinnerungen in einem geheimen Labor unter einem argentinischen Baseball-Stadion, während über ihr Homeruns gelaufen werden und ein talentierter Shortstop (Position beim Baseball) seinem Job nachgeht. Auch ihn lernt der Leser kennen, denn Paul Fattaruso widmet sich allen Figuren, die auf die eine oder andere Weise mit Isabellas augetautem Dasein verknüpft sind, gleichermaßen. Auf nur 156 Seiten bündeln sich die Ereignisse, Millionen Jahre alte Dinosauriererinnerungen und die Geschichten vieler Menschen. Auch wenn in dem dünnen Büchlein der Platz begrenzt ist, ergibt sich für den Leser ein reges Bild von allen Figuren. Fattarusos Stil ist dicht und rund – eben Qualität statt Quantität. Niemand bleibt hier eindimensional, niemand ist eine unwichtige Nebenfigur. Sie alle sind so lebendig wie ein aufgetauter Dinosaurier.
Auf der Website www.isabellas-liebe.de kann man Isabellas Liebe zum Flügelhorn übrigens via Podcast hören. Sieben Autoren aus dem Hause Luchterhand haben den Roman ihres Kollegen Fattaruso eingelesen. Als CD gibt es diese No-Budget-Produktion zwar nicht, für einen kleinen Obolus kann man die 3,5-stündige Lesung jedoch downloaden.
Fazit: Ein kleines Büchlein mit großer Wirkung. Phantasievoll, poetisch, abgedreht.