Es gibt Bücher, die einen schon von der ersten Zeile an gefangen nehmen. Selten genug sind sie, doch Nicholas Shakespeare, um das Urteil über dieses Buch gleich mal vorweg zu nehmen, schafft dies mit seinem neuen Roman Sturm auf beeindruckende Art und Weise. Nicholas Shakespeare dürfte dem ein oder anderen als Autor einer sehr lesenwerten Bruce Chatwin-Biografie bekannt sein oder als Autor des mit John Malkovich verfilmten Romans Der Obrist und die Tänzerin. Inzwischen hat es sich Shakespeare auf Tasmanien eingerichtet und bietet eine ganz und gar einzigartige literarische Collage dieser fernen Welt.
Und vielleicht gibt es in diesem Bücherherbst kein anderes Buch, das mit ganz wenigen Sätzen und erzählerischen Strichen eine derart faszinierende Welt aufbaut und dabei höchst unterhaltsam und in einem eleganten, aber nie komplizierten oder aufgesetzt wirkenden Stil von dem Schicksal zweier Menschen, Alex und Merridy, erzählt, die sich zufällig auf Tasmanien treffen, sich ineinander verlieben und heiraten – und deren Zweisamkeit durch die Unfruchtbarkeit und einen verheerenden Sturm ganz erheblich durcheinandergebracht wird. Nicht nur, dass dieser Sturm erhebliche Verwüstungen mit sich bringt, er schwemmt auch einen geheimnisvollen jungen Mann an Land, der die erste Zeit nach dem Sturm bei Alex und Merridy einzieht.
Es geht also um eigentlich „nur“ um die Geschichte zweier Menschen, die sich finden, miteinander glücklich werden und deren Glück auf die Probe gestellt wird. Nun mag manch einer sagen, das klinge doch arg unspektakulär und langweilig. Geschenkt. Übrigens: Wer sich mal einen äußert gelungenen, weil sehr treffend geschriebenen Rückseitentext anschauen und durchlesen mag, dem sei selbiger des vorliegenden Buches empfohlen. Doch was Nicholas Shakespeare schafft, ist, in jeder Zeile, so idyllisch die Szenerie scheinen mag, die bevorstehende Bedrohung höchst subtil mitschwingen zu lassen und seine Protagonisten mit einem enormen Facettenreichtum auszustatten, dass man schnell den Eindruck bekommt, dass es in diesem Buch um noch viel mehr geht.
Anzeige Schade um denjenigen, der dieses Buch voreilig weglegt. Beide Protagonisten umgibt eine nicht ganz aufgearbeitet Vergangenheit, beide haben in ihrer Kindheit bzw. Jugend ihre Eltern bzw. ihren geliebten Bruder auf tragische Art und Weise verloren – und beide knabbern aus unterschiedlicher Motivation heraus, ganz erheblich an ihrem Schicksal. Themen wie Verlust, Trauer, Sehnsucht und Heimat (physische wie psychische) bestimmen den Roman. Doch Shakespeare gelingt die Gratwanderung zwischen einem hoch-emotionalen Erzählen und den schmierigen Abgründen des Pathos recht eindrucksvoll. Zwar gibt es die eine oder andere Formulierung, die ein wenig zu sehr gefühlsbetont trieft, doch schnell hat man diese Ausrutscher vergessen.
Vergleiche mit Musik sind immer gefährlich, aber der Verweis auf Beethovens 6. Symphonie scheint hier durchaus angebracht und passend – nicht nur aufgrund der „Handlungsstruktur“ (Idylle, Sturm, Auflösung), denn auch bei Beethoven deutet sich in den idyllischen „Szenen am Bach“ die Katastrophe bereits an. Und wie bei Beethoven holt auch Shakespeare am gegen Ende weit aus, um sein Finale wohlvorbereitet aufzubauen und noch einmal für einige Überraschungen zu sorgen. Wo wir gerade bei Vergleichen sind: Mit William Shakespeares letztem Theaterstück hat dieser Roman nicht wirklich was zu tun. Und ob es vom mare Verlag wirklich so geschickt war, das Buch, das im englischen Original „The secrets of the sea“ heißt, so zu nennen, wie es nun auf den Buchmarkt gekommen ist, sei mal dahingestellt. Dafür aber hat dieser Roman, vielleicht noch nicht alles, so doch ziemlich viel mit dem gemein, was man gemeinhin unter einem literarischen Meisterwerk versteht!
Jeder, der auf den neuen großen Roman von John Irving wartet, der dürfte mit Sturm allerbestens bedient sein! Lesen!